Gravitation

Gibt man die Begriffe „Familie“ und „Weihnachten“ zusammen bei Google ein, ist das erste Ergebnis das Angebot eines Psychotherapeuten. Während Weihnachten von den Familienlosen oft als Bedrohung empfunden wird, tappen andere in die Falle idealisierter Erwartungen. Denn die Familie bildet das Zentrum unseres emotionalen Kosmos, den Punkt, von dem alles ausgeht und an den alles zurückkehrt. Als gäbe es eine unsichtbare Verbindung, die uns nicht loslässt, eine Kraft ähnlich der Gravitation, wie die Physik sie beschreibt: Die Schwerkraft nimmt zwar mit der Entfernung ab, lässt sich aber nicht abschirmen und hat eine unendliche Reichweite. Man entkommt seiner Familie nicht – schon gar nicht an den Feiertagen.

Dieses Spannungsfeld findet seinen Ausdruck in den „Yule Balls“ der Künstlerin Iris Musolf. Ihr bevorzugter Werkstoff ist Beton, den Sie in verschiedenste Formen gießt: In aufblasbare Puppen mit eindeutiger Funktion oder wie im abgebildeten Fall in klassische Christbaumkugeln. Sie entfernt die Aufhängung, füllt das Glas mit dem zähflüssigen Werkstoff bis zum Rand und steckt die Aufhängung wieder ein. Nach dem Aushärten hüllt sie die Kugel in ein Tuch und schlägt mit einem Hammer behutsam das umgebende Glas ab, bis die unten meist glatte, oben poröse und rauhe Oberfläche des massiven Betons sichtbar wird. Das Leichte, das Zarte des fragilen Weihnachtsschmucks aus spiegelnd-farbigem Glas ist verschwunden und hat dem Schweren, dem Groben Platz gemacht, das uns nun in Form des grauen Steins gegenübertritt. Aus dem schillernden Symbol der Leichtigkeit, Freude und auch des oberflächlichen Konsums ist ein Objekt geworden, das nicht zufällig an Handgranaten erinnert und die Sprengkraft demonstriert, wie sie in weihnachtlichen Zusammenkünften besonders im Familienkreis entstehen kann.

Bei näherer Betrachtung des Objekts sieht man aber auch: Bei einigen der Objekte bleiben kleine Reste des hauchdünnen bunten Glases an der Aufhängung zurück. Sie bezeugen, dass das Leichte und das Schwere untrennbar miteinander verbunden sind. So wie man schwere Momente nur erträgt, wenn auch noch ein Funke Hoffnung besteht und man die Leichtigkeit umso intensiver genießt, wenn man um ihre Flüchtigkeit weiß.

Carsten Wolff

Iris Musolf

Vita

Von 2000-2001 lebt Iris Musolf in Paris und studiert französische Kultur und Literatur an der Sorbonne. Bis 2008 studiert sie in den Klassen Bogomir Ecker und Candice Breitz an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Seit 2008 lebt und arbeitet Iris Musolf in Berlin. 2009 wird sie Meisterschülerin von Candice Breitz an der HBK Braunschweig. Von 2009 bis 2013 ist sie künstlerisch – wissenschaftliche Mitarbeiterin der Freien Kunst und Kunstvermittlung an der HBK Braunschweig. Sie leitet Seminare, Projekte und Übungen. 2013 erhält sie einen Lehrauftrag an der Burg Giebichenstein Halle für Kunst und praxisbasierte Kunstvermittlung. Im Rahmen eines Workshops findet eine Kooperation mit der städtischen Galerie Wolfsburg und der Burg Giebichenstein statt.

Sammlungen

Verschiedene Privatsammlungen

Ausstellungen

ART LABOR Gallery, Shanghai [G]
Biennale Mulhouse 012 [G]
Freies Museum Berlin [G]
Galerie Axel Obiger, Berlin [G]
Galerie Gilla Lörcher, Berlin
Galerie Perpétuel, Frankfurt/M.
Gálpon Espacio Cultural, Lima, Peru [G]
Goethe-Institut New York, USA [G]
HBC, Berlin [G]
Keinraumdisko, Raum für Junge Kunst, Braunschweig
Kino International Berlin [G]
Klasse Candice Breitz im „Satellit“, Raum für Junge Kunst der Galerie Anita Beckers, Frankfurt/M.
Konsumverein Braunschweig
Kunstverein Hannover [G]
Kunstverein Mannheim [G]
Neue Galerie Landshut [G]
Niedersächsische Landesvertretung Berlin [G]
Organhaus Chonqing, China [G]
PEA and Centrala Gallery, Birmingham [G]
Petra Rietz Salon Galerie, Berlin [G]
PG-lab Berlin [G]
Radierverein München [G]
Salon de Lirio, Republic of India
SAVVY Contemporary, Berlin
The Idling Gallery, Berlin
Tsaritsino Museum Moskau [G]

Preise und Stipendien

1. Preis Kunst-am-Bau, Bundesamt für Strahlenschutz, Salzgitter
Sprengel Preis Hannover (Nominierung)
Junge Akademie, Akademie der Bildenden Künste Berlin (Nominierung)
Intensive Program AKI/ArtEZ, Borders of Perception, Enschede, Holland
Erasmus-Stipendium für Bildende Kunst, Nizza