We are sittin’ on a fence

von Andreas Bee

Trude Friedrich schnitzt. Auf allen ihren Reliefbildern ist ein Zaun, eine Mauer oder ein Geländer zu sehen. Jede dieser Einfriedungen ist anders, jede folgt bestimmten, variantenreichen Regeln und hat ihren eigenen Rhythmus, ihren eigenen Charakter. Einige dieser Zäune können sogar mit einer typologisierenden Bezeichnung auftrumpfen. So wollen etwa Bauzäune von Bohlenzäunen, Bretterzäune von Drahtzäunen, Elektrozäune von Gartenzäunen, Grenzzäune von Jägerzäunen, Lattenzäune von Maschendraht­zäunen, Palisadenzäune von Plankenzäunen, Stacheldraht­zäune von Staketenzäunen und Weidezäunen unterschieden werden. Ja, man gewinnt bald den Eindruck, als handele es sich bei den einzelnen Zaunfamilien um unverwechselbare Unterarten einer hinlänglich bekannten, aber immer noch weithin unterschätzten Spezies.

Als Kinder mögen wir Zäune. Wir springen oder klettern gern über sie, gehen an ihnen vorbei, streifen sie mit einem Stock und hören im Vorübergehen den Klang, der an- und abschwillt, je nachdem, wie stark wir unseren Stecken an den Stäben und Gittern vorbeiziehen. Ein schöner Zeit­vertreib. Später dann verlieren die Zäune ihre Unschuld für uns und verwandeln sich nicht selten in lästige und meist hässliche Grenzmarkierungen.

All dies im Hinterkopf, stehen wir vor den Reliefbildern von Trude Friedrich und fragen uns: Wie sollen wir diese kleinen Tafeln anschauen? Was macht sie so anziehend? Warum begnügt sich die Künstlerin bei diesem Thema nicht mit einer Zeichnung oder einem Aquarell? Warum arbeitet sie stattdessen mit einem widerständigen Holz?

Offenbar geht es auf der einen Seite um die Auseinandersetzung mit dem visuellen Reiz des Seriellen. Wir spüren schon bei flüchtiger Betrachtung der Arbeiten etwas von jener Faszination, die in fast allen ausdauernd und gleichmäßig vorgetragenen Wiederholungen begründet liegt. Wir begreifen auch unmittelbar die optische Anziehung, die eine lange, ordentlich und diszipliniert vorgetragene Reihung zu evozieren in der Lage ist. Ganz allgemein ge­­sprochen handelt es sich hier also zunächst einmal um eine Zurschaustellung von visuellen Reizen, die dem Regel­mäßigen abgerungen wurden, um das Spiel mit einem Ideal, das einer apollinischen Haltung zuneigt und von einer höheren Warte jedes improvisierende Vorgehen mit Ver­achtung straft. Wer Trude Friedrich kennt, kommt möglicherweise bald auf die Idee, ihre Bilder symbolisierten Maß und Gesetzmäßigkeit als Grundfunktion sozialer Existenz. Doch dann plötzlich gibt es hier und da Brüche und Widersprüche im System. In den jüngeren Arbeiten, in denen die Künstlerin auf eine farbige Fassung verzichtet, sehen wie auf einmal Zäune, die alles Strenge abgestreift haben, mehr durch die Landschaft vagabundieren, als dass sie sie noch klar zu gliedern beabsichtigen. Hier wird offensichtlich allmählich eine klassizistische Grundhaltung um eine romantische Stimmung erweitert.

Damit ist eine erste Richtung gewiesen. Offenbar ist es Trude Friedrich auch nicht nur um den Zaun als Zaun, die Mauer als Mauer zu tun. So schön beide von Fall zu Fall sein mögen, das Abbild eines Zauns oder einer Mauer genügt sich selten selbst und erhält seinen Wert erst durch die metaphorische Überhöhung. Und da die Verbindungen der Abbilder mit den bereits in der Wirklichkeit vorhan­denen Vorbildern im Raum der Kunst schließlich taub und nebensächlich werden, wandelt sich am Ende alles zum Symbol.

Was aber geht unter diesen Parametern dann von diesen Werken aus? Was ist ihre Botschaft? Mir scheint, als belegten sie, dass das eigentliche Vermögen von Trude Friedrich, ihre besondere künstlerische Fähigkeit darin liegt, mit geringem Aufwand Klarheit und Ruhe in eine Sache zu bringen. Nicht mit Begriffen, sondern mit Reliefbildern erreicht die Künstlerin eine Prägnanz, wie sie stets nur aus großer Konzentration und Kontemplation entspringen kann. In den besten Beispielen ihrer Arbeiten wird der formalen Gestaltung eine Bedeutung abgerungen, die weit über das Erwartete hinausgeht. Aus alltäglichen Beobachtungen destilliert, entstehen sinnliche, anschauliche Denkgegenstände von eindringlicher Art. Wie bei einem überzeugend formulierten Gedanken, wie bei einer plausiblen mathe­matischen Gleichung oder einer durch ihre Schönheit spontan einleuchtenden physikalischen Formel schiebt sich bei Trude Friedrich das Bild eines Zaunes, den wir täglich sehen, aber nie wirklich gesehen haben, derart in den Vordergrund und damit derart ins Bewusstsein, dass alles andere wie im Nebel zu verblassen scheint. Wird dies so oder ähnlich erlebt, dann leuchtet vielleicht für einen Moment in der Aufmerksamkeit für das Bild etwas Ungeahntes, etwas Unvordenkliches auf. In den richtigen künstlerischen Händen, könnte sich so im Prinzip jeder beliebige Gegenstand wandeln, könnte jedes Bild zu einem Ereignis werden. Im Falle der Reliefs mutiert das künstlerisch bearbeitete Bild eines Zaunes zur Notation oder Partitur. Am Ende können die Reliefbilder als Brenngläser verstanden werden, mit denen es gelingt, bei genauerer Betrachtung wie durch die Zwischenräume eines Zaunes etwas zu schauen, was vorher nicht gesehen wurde.