Verstrickt ins eigene Werden

Zu den Zeichnungen von Sonia Knopp

von Thomas Wagner

„Es wird berichtet, Whistler hätte auf die Frage, wie lange er zum Malen eines seiner Nocturnos gebraucht habe, geantwortet:
,Mein ganzes Leben.‘ Mit der gleichen Berechtigung hätte er sagen können, er habe alle die Jahrhunderte gebraucht, die dem Malen des genannten Bildes vorausgegangen waren. Aus dieser richtigen Anwendung des Kausalgesetzes folgt, daß das geringste der Ergebnisse das unbe­greifliche Weltall voraussetzt und daß umgekehrt das Weltall das geringste der Ereignisse benötigt.“

Jorge Luis Borges

Die Dinge sind wirklich nicht bösartig.
Welche Nachricht!

Francis Ponge

I.     Ein Blatt, einige Linien. Mehr ist nicht nötig. Das Blatt ist klein. Der Linien sind wenige. Nichts drängt sich auf. Alles ist auf eine einzige Szene konzentriert. Sonia Knopps Zeichnungen geben sich sparsam und aufgeräumt. Sie sind mit roter oder schwarzer Tusche auf Papier ausgeführt. Alle sind kleinformatig und das Papier hat immer die gleichen Proportionen. Alles, was sie zeigen, ist deutlich erkennbar. Alles Überflüssige wurde ausgelassen. Alles Nötige erscheint. Ein Kopf, eine Figur, ein Rumpf. Zumeist einzeln, manchmal zu mehreren. Die Linien schneiden die Figuren wie vorläufig aus dem Weiß des Papiers. Eine schlichte Grenzziehung. Wenige klare, keinerlei Zögern verratende Linien genügen, damit der Umriß von etwas entsteht, sich etwas zeigt. Man glaubt, was man sieht wiederzuerkennen; doch es bleibt fremd. Selbst dann, wenn der Titel das Sichtbare erweitert, ihm eine zuweilen phantastische, zuweilen auch eine bedrohliche Dimension hinzufügt. So ist zwar alles gezeigt und alles gesagt. Nicht zu viel und nicht zu wenig; ausgewogen, aber niemals ohne Spannung. Die Irritation aber bleibt. Alles Harmlose ist nur Schein. Der Schein aber ist niemals harmlos.

II.     Was ist ein „Wegweiser“? Im Universum der Zeichnungen von Sonia Knopp ist es kein Schild, kein Zeichen, kein Ding. Hier ist es ein kleiner Kinderkopf, der auf dem Kopf eines Mannes sitzt. Etwas wie ein Arm weist den Weg. Dorthin. Weg von hier. Was ist ein „Durchleiter“? Ein etwas grimmig dreinschauender Junge, dessen Umrißlinie nicht geschlossen ist, sondern am Hinterkopf, an den beiden Händen und am Rumpf offenbleibt. So, als würde das Nichts des weißen Blattes durch ihn hindurchgehen, so, als habe er keinen Körper mit festen Grenzen ausgebildet und hinge mit der Umgebung zusammen. Ähnlich verhält es sich mit dem „Horcher“. Den Kopf etwas zur Seite geneigt, Hände und Rumpf wie verzweigte Kanäle geöffnet, scheint er ganz und gar auf etwas bezogen zu sein, was sich in seiner Umgebung befindet und vernehmbar, aber nicht sichtbar ist. Was ist ein „Zauberstab“? Ein Kleinmädchenkleid, das in der Luft hängt. Aus dem ein Ärmchen heraussteht. Das einen Stab hält. Wo aber sind Kopf und Beine? Wurden sie weggezaubert? Oder ist es der Zauber des Zeichnens selbst, der bewirkt, daß nur das erscheint, was erscheinen muß? Und der „Fingermann“? Der hat einen kurzen Daumen, aber einen viel zu langen Zeigefinger. Ob auf dem Blatt mit dem Titel „Träger“ auf Kopf und Körper eines Jungen ein großer Mann lastet, ob die „Zwillinge“ einen gemeinsamen, ineinander übergehenden Arm besitzen, weil sie für immer mit einander verbunden sind, so deutlich sie sich auch voneinander abwenden mögen, oder ob eine „Kopfkette“ einen Strang aus lauter ineinander übergehenden Köpfen bildet – diese Zeichnungen nehmen die Welt beim Wort. Und weil zwischen Blatt und Linie, Körper und Umgebung, Wort und Gestalt keine feste Grenze existiert, weil zwischen allem ein Austausch, ein Bund oder ein geheimes Band zu bestehen scheint, ist hier nichts geheuer. Groß und belebt scheint die Welt wie in Kindertagen. Man staunt, ist irritiert, kennt sich nicht aus.

III.     So markieren die Zeichnungen von Sonia Knopp einen Riß im dichten Schleier, den das Alltägliche umgibt. Spielerisch heften sie den Blick auf scheinbar einfache, überschaubare Situationen. Doch im Gewöhnlichen lauert das Ungewöhnliche. Das Phantastische überrumpelt das Rationale. Jede Situation, so banal sie auch sein mag, scheint buchstäblich auf Körper und Seele einzuwirken. Ein „Armschlucker“ ist ein Kopf, in dem der Arm eines Mädchen mit Zöpfen steckt. Zwischen zweien, die aufeinander zutreten, fehlt etwas, und so bleiben sie, obschon einander zugewandt, unvollständig. Die „Mitte fehlt“. Und ein „Auskotzer“ kotzt nicht irgend etwas aus, sondern sich selbst.

So erscheinen Situationen und Zustände auf diesen Blättern nicht als etwas Äußerliches, das den Figuren begegnet, sie als solche erschüttert oder verändert. Titel und Darstellung „bezeichnen“ vielmehr innere Zustände. Sie beschreiben psychische Konstellationen, die entstehen, wenn alles, was geschieht, wortwörtlich geschieht. Wenn es keine festen Ich-Grenzen gibt. Wenn der Armschlucker einen Arm schluckt, der Zauberstab wirkt, der Kopf rollt ... und das Wünschen hilft, es aber keinen Unterschied gibt zwischen wörtlichem und übertragenem Sinn. In dieser Welt geschieht, was gedacht, was gefürchtet, was imaginiert wird. Und: was gezeichnet wird. Denn das heißt zeichnen: Alles erscheinen lassen können, alles mit allem verbunden sein lassen können, alles geschehen lassen können.

IV.     Im Unterschied zu den Zeichnungen erscheint die Welt auf Sonia Knopps Gemälden gedämpft, als sei sie ausgeschlagen mit dem Grau der Ewigkeit. Ein weiter Horizont, hellschwarz, davor die Dinge, aus ihrem gewöhnlichen Gebrauch durch den Menschen entlassen. Kein Umgang, kein Hantieren entdeckt sie. Nichts ist zuhanden. Stumm stehen Häuser, Wände, Hangars, Baumstämme. Sie sind befreit, aber nicht frei. Sie wollen in ihr eigenes Dasein treten, bleiben aber atmosphärisch an den Menschen gebunden, auch wenn dieser abwesend ist. Dargestellt scheint ein Dämmern. Wie das Eintreten in einen Traum. Aber das Dämmern ist kein Verlöschen. Etwas glimmt weiter. Schimmert. Scheint auf. Als ob die Welt verlassen wäre und wir die Spuren des Menschen in den Dingen suchen müßten.

V.     Sonia Knopps Zeichnungen beunruhigen und bewahren doch Ruhe. Der Strich verläuft ohne erkennbare Hektik. Nichts Gestisches haftet der Linie an. Sie scheint gleichmäßig zu entstehen und zu verlaufen. Keine Beschleunigung. Kein Kratzen, kein Korrigieren, keine Ausbrüche. Selbst aus der „Linienverwirrung“ bildet sich noch so etwas wie eine Figur, verstrickt ins eigene Werden. Denn in der Zeichnung ist, wie im Märchen, alles möglich. Was man lernt und wozu, was wirklich ist und was Schein, wo auf dem Lebensweg man sich findet, wo man sich verliert, wer weiß das schon.








































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Sonia Knopp
Zwillinge, 2002/2006
(Detail)
Tintenstift auf Papier
21 × 29,7 cm

Auflage: 10

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sonia_knopp_vorwaerts_rueckwaerts_seitwaerts_stopp

Sonia Knopp
vorwärts, rückwärts, seitwärts, stopp, 2006
(Detail)
Tintenstift auf Papier
21 × 29,7 cm
Auflage: 10

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