Philipp Hennevogl – Implosionen

von Velten Wagner

„In der Natur gibt es keine Linien“, so der Maler Frenhofer in Balzacs Novelle „Le chef d’oeuvre inconnu“. Was geschieht dann eigentlich, wenn ein Künstler wie Philipp Hennevogl „reale Natur“ medial dreifach bricht: als Betrachter, der Natur wahrnimmt, als Fotograf, der einen Ausschnitt auswählt und in die Eigenmacht des Mediums aufnimmt und als Grafiker, der das fotografische Abbild fokussierend, linear verdichtend, rhythmisierend mit größter Akribie und höchst unzeitgemäßem zeitlichem Aufwand in die Linolplatte schneidet?

Ein Waldstück; schlank aufwachsende Bäume auf einem steil ansteigenden Gelände, ein dichtes Gespinst aus Ästen und Zweigen, Laub, vom Sonnenschlaglicht weiß gehöht, Bruchholz, ein schwarzer, dicht bewachsener Felsen im Hintergrund. Die Arbeit „Fels im Wald“ von 2008 führt den Blick des Betrachters in ein urtümliches, von Menschenhand anscheinend unberührtes Dickicht. Man sieht natürlich Gewachsenes, dennoch, seltsam genug, keine Natur, die sich in ihrer Natürlichkeit zu erkennen gäbe. Kein durch’s Laub raschelndes Getier, kein rauschender Wind, der Himmel eine mehr ahnbare als sichtbare Hintergrundsfolie. Licht und Schatten rhythmisieren das Bild, Auflichtungen stehen gegen Verdunkelungen, die Diagonale des ansteigenden Terrains gegen die leicht gekippten Vertikalen der schwarzen Stämme. Hennevogl entwirft eine Natur, deren Wirk- und Formkräfte im Bild stillgestellt sind, keine schöpferische natura naturans, sondern eine kunstvoll vom Künstler in Szene gesetzte natura artificiosa in scheinbar ursprünglicher Gestalt; eine Natur, die sich das Wie unserer Wahrnehmung, unseren Blick essentiell angeeignet zu haben scheint, und darüber selbst zum Medium geworden ist; eine Natur, die organisch Gewachsenes nicht illusionistisch imitiert, sondern, ins Lineare übersetzt, mit größter Präzision evoziert – und den Blick umso präziser in die Irre führt. „Fels im Wald“ zeigt einen weglosen Ausschnitt ohne feste Begrenzungen, eine mikroskopische Totale, ein utopisches Abbild. Die bis ins Extrem verdichtete Gegenständlichkeit berührt beinahe die Grenze zur Gegenstandlosigkeit, in der sich das Motiv aufzulösen und in ein Gespinst gegenstandsloser Linien und Flecken zu verwandeln, genauer: zurückzuverwandeln beginnt – und damit in den grafischen Prozess der Bildproduktion selbst.

Vielleicht ist es dieser Prozess der Translation, der Übertragung eines der Natur entnommenen Bildes in die Sprache des Künstlers, der seit jeher Missverständnisse und Irritationen hervorgerufen hat – eben weil uns Natur so urbildlich vertraut erscheint. Das Spektrum der Übertragungsmöglichkeiten reicht von der Kopie (etwa einer fotografischen Vorlage) über die Nachahmung bis zur produktiven Aneignung und eigensprachlichen Umformung. An welcher Stelle dieses Spektrums Hennevogls grafische Arbeiten zu verorten sind, soll die Betrachtung einer weiteren Arbeit aus dem Jahr 2008 zeigen:
„Gerüst“ – ein, im Unterschied zu „Fels im Wald“, der Zivilisation entnommenes Motiv.

In dem großformatigen Linolschnitt werden in filigraner Ordnung die komplexen Strukturen eines (Bau)gerüsts gezeigt. Ein schmaler schwarzer Sockelstreifen, eine aufragende Straßenlaterne, auf dem Gerüst liegende Bretter sind die verdichteten, flächig-schwarz gedruckten Bildelemente, die der nach allen Seiten hin offenen, sich scheinbar endlos fortsetzenden Struktur des Gerüsts eine Fassung, einen optischen Halt geben. Das sich zum Hintergrund zu Grauwerten verdichtende Gestänge lässt einen Gegenstand (ein Gebäude?) erahnen, vor dem das Gerüst steht, ohne jedoch einen kausalen Zusammenhang zwischen Gerüst und (vermeintlichem) Gebäude herzustellen. Fast scheint es so, als stünde das Gerüst für sich selbst, ohne Bezug zu einer konkreten Funktion. So rational die geometrischen Strukturen des Gerüsts, so komplex seine Verstrebungen auch in Szene gesetzt sind, durch die zahlreichen Überschneidungen seiner Elemente verflirrt es vor den Augen des Betrachters, wird ungreifbarer, je genauer das Auge einen bestimmten Punkt fixieren möchte.

Die Analogien zwischen „Fels im Wald“ und „Gerüst“, Natur- und Zivilisationsprodukt drängen sich umso mehr auf, als es Hennevogl offenbar weniger um die Gegenständlichkeit der Motive, vielmehr um strukturelle Gleichungen geht, die nicht nach dem Was des Gesehenen, sondern dem Wie des zu Sehenden fragen: nach dem Wahrnehmungsprozess des Betrachters einerseits und dem Organisationsprinzip der Gegenstände andererseits. In welchem Verhältnis beide zueinander stehen, erschöpft sich dabei keineswegs in der tradierten Subjekt-Objekt Dualität. Der Betrachter sieht einen Gegenstand, hier: ein Gerüst, den er aus seiner Alltagswelt kennt, doch was er wahrnimmt, entspricht nicht seinem Gedächtnisbild. Denn dieses Gerüst wird gerade einmal in der ungefähren Bildmitte greifbar, wo es eine Kante ausbildet, die auf eine würfelförmige Gesamtform schließen lässt. Diese Stelle ist eine Art Bauanleitung, ein "logischer Schlüssel", den der Künstler dem Betrachter in die Hand gibt, um die tektonische Struktur, den modularen Aufbau des Gerüsts nachvollziehen zu können. Doch wohin führt die Logik, sobald sich der Blick in tiefere Zonen dieses höchst rationalen und gewohnheitsmäßig nicht minder funktionalen Gebildes begibt? Er tastet umher, verliert sich – scheitert im strukturellen Nachvollzug des komplexen Ganzen. Offenbar ist dieses Gerüst nicht statisch, sondern zeitlich zu sehen, als Unschärferelation zwischen Licht und Schatten und den ins Bild gesetzten strukturellen Elementen. Was auf der Bühne dieses Gerüstbaus passiert, ist ein durch visuelle Stimulantien hervorgerufener Austauschprozess zwischen Bild und Betrachter, wobei die rationale Erfassung beider Welten, der Betrachter- als auch der innerbildlichen Welt, in Frage gestellt, mehr noch: ad absurdum geführt wird.

Während in „Gerüst“ eine ungreifbare, hyperreal-funktionale Scheinwelt gezeigt wird, steigert Hennevogl im jüngst entstandenen Linolschnitt „Studio“ die über die Bildfläche wuchernden Strukturen ins hypertroph-nüchtern-Bedrohliche. Der „Kabelsalat“ entwickelt eine chaotische Eigendynamik, die Schreibtisch, Computer und Monitore gleichermaßen zu ersticken scheint. Hier wird im bildlich-metaphorischen Sinne die – zumeist kaschierte - Rückseite unserer modernen Arbeitswelt vor Augen geführt. Die Komplexität digitaler Vernetzung findet ihre Entsprechung in einem für den Laien kaum mehr beherrschbaren Gewirr von Verkabelungen und Verschaltungen der Hardware. Mit dem Ergebnis, dass der „User“ Mensch hinter dem überbordenden Ungetüm Schreibtisch verschwindet. Die wuchtigen Turmbauten im Verein mit dem ornamentalisierten, alles verschlingenden Moloch Verkabelung spiegeln letztlich das psychische Chaos wider, in dem der moderne Homo sapiens angesichts seiner technischen Überforderung versinkt.

Überblickt man alle drei hier besprochenen Linolschnitte von Philipp Hennevogl, fällt vor allem eine Gemeinsamkeit auf: Ob die Motive der Natur- oder der zivilisatorischen Sphäre entnommen werden, spielt letztlich nicht die entscheidende Rolle. Denn alle drei Motive werden beherrscht von dem Bildmittel Linie, dessen künstlerische Immanenz zur Emergenz geistiger Wahrnehmungsprozesse führt. Die ästhetische Figuration der Linie als Gestaltungsmittel und Geistesspur greift gesellschaftlich präfigurierte Denk- und Vorstellungsmodelle auf, legt sie mittels Verdichtung und Übersteigerung bloß, lässt sie ins Rational-Irrationale umschlagen. Auf diese Weise bilden die innerbildlichen Strukturen Systeme aus (System Natur, System Konstruktion, System Technik), die umso mehr an Eigenleben gewinnen, je stärker ihre Selbstreferentialität den eigentlichen Grund ihres Daseins verschwinden, sie bis zum Stillstand erstarren oder chaotisch außer Kontrolle geraten lässt.

Hennevogls Linolschnitte sind von einer präzisen Beobachtungsgabe, verblüffenden Virtuosität und implodierenden Detailgenauigkeit. Angesichts einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, deren Produktion von einander potenzierenden Mittelbarkeiten, von medialer Lebenswahrnehmung und derivativer Wertschöpfung beherrscht wird, könnte dem Betrachter von Philipp Hennevogls Linolschnitten das Blut in den Adern gefrieren.