Von A wie Auto bis W wie Wahre Begebenheiten

von Natalie de Ligt

Die √Ąsthetik und Machart von Peter Sauerers kleinformatigen und aus hellem Holz geschnitzten K√§sten erscheinen verspielt und vielleicht sogar harmlos. Die miniaturhaften und farbig bemalten Szenerien erinnern an eine ans Naive und Folkloristische angelehnte Gestaltung, hinter der sich auch ein scheinbar unbedarfter Umgang mit den Dingen verbergen k√∂nnte und die zun√§chst von den zum Teil geschichtsbeladenen Themen ablenkt. Der erste Blick mag einen dazu verf√ľhren, ‚Äědie Arbeit Sauerers bestenfalls als eigenwillige Variante sogenannter Volkskunst oder des Kunsthandwerks aufzufassen. Wie richtige Kunst jedenfalls sehen seine Werke nicht aus.‚Äú‚ÄČ(1) So wurde es schon zu fr√ľheren Arbeiten des K√ľnstlers bemerkt. Ein genauer Blick auf den Aufbau der K√§sten mag diesen Eindruck noch verst√§rken. In der Tat verdienen die Holzskulpturen den sich w√§hrend des Arbeitens eingeschlichenen √úberbegriff ‚ÄěKasten‚Äú. Denn genaugenommen handelt es sich um Setzsteckk√§sten, die an ein Spielzeug mit Lehrfunktion denken lassen. Allen K√§sten liegt das selbe Prinzip zugrunde, ein Raster, das auf 3‚ÄČׂÄČ3‚ÄČcm starken Holzleisten beruht, die sich Sauerer auf die ben√∂tigte H√∂he zurecht s√§gt, und aus denen er die Einzelteile bzw. Einzelfiguren schnitzt. Er bel√§sst jedem Segment ein sockelartiges Unterteil, mit dem es in einen ebenfalls geschnitzten, oben offenen Kasten von ca. 6‚ÄČcm H√∂he gesteckt wird, so dass sie zusammengesetzt das Gesamtwerk ergeben. Der Kasten dient als Halt gebende und zusammenfassende Ummantelung. Das Ganze funktioniert wie ein Baukastensystem oder wie ein dreidimensionales Puzzle, bei dem es nur eine L√∂sung gibt.

Was aber unterscheidet nun Sauerers K√§sten von herk√∂mmlichem Kunsthandwerk oder von einem Baukasten, den der Gro√üvater f√ľr seinen Enkel geschnitzt haben k√∂nnte? Es sind schlicht die Themen und Motive, die Peter Sauerer aufgreift. Den bisher entstandenen K√§sten ‚Äď zum jetzigen Zeitpunkt sind es 20 Arbeiten ‚Äď sind Themenrubriken wie ‚ÄěWahre Begebenheiten‚Äú, ‚ÄěOrte‚Äú, ‚ÄěPhantasien‚Äú oder ‚ÄěLetzte Reise‚Äú zugeordnet. Dahinter verbergen sich Sujets, deren Spanne vom heimischen Gem√ľsebeet √ľber erotisierte Pilotinnen bis hin zum Sarg von Johannes Paul II. oder auch Albert Speer mit seinen Kindern im Auto reicht.

Damit kommt eine Ebene der Reflexion sowie eine Sicht von Welt hinein, die f√ľr besagten Gro√üvater nicht relevant ist. Peter Sauerer bedient sich lediglich der Formensprache des Kunsthandwerks. Er ist ein K√ľnstler, der, wenn die Idee und das Motiv gefunden und ausgereift sind, insofern zum Handwerker der eigenen Idee wird, als er w√§hrend des Arbeitens um den jeweils n√§chsten Schritt wei√ü. Die K√§sten sind im Prinzip wie ein Spielzeug benutzbar, aber sie sind nicht zum Spielen gemacht, sondern sie sind ein anschaulicher Denkgegenstand. Eine der Herausforderungen bei Sauerers Arbeiten besteht darin, sich von dem scheinbar Handwerklich-Harmlosen nicht t√§uschen zu lassen. Wie Humor oder Ironie kann auch das nett Daherkommende ein Mittel zum Zweck sein. Es ist nicht mit dem Inhalt gleichzusetzen oder zu verwechseln.

Allein die Auflistung einiger Titel von Sauerers Kästen zeigt, dass hier niemand am Werk ist, der im Bereich des Angewandten glänzen will.

· Letzte Reise: GIs im Irak
· Letzte Reise: Rafik Hariri
· Letzte Reise: Papst Johannes Paul II.
· Schaltstellen: Frankfurter Börse
¬∑ Wahre Begebenheiten: B√ľcherverbrennung in Hamburg 1936
· Wahre Begebenheiten: Trauerfeier in Rom 2005
¬∑ Wahre Begebenheiten: N√ľrnberger Prozesse
· Phantasien: La fille dé raisonaible, l’oncle de bien avec un petit chien
· Phantasien: Junge Pilotinnen
· Autos: John F. Kennedy in Dallas 1963
· Autos: Albert Speer und seine Kinder am Obersalzberg
¬∑ Orte: Gem√ľsebeet in Walleshausen

Das Ganze liest sich wie eine im Privaten gef√ľhrte Chronik, in der denn auch symboltr√§chtige, geschichtsschwere und zum Mythos gewordene Ereignisse neben Banal-Allt√§glichem und lustvoll aus der freischwebenden Phantasie Gegriffenem steht. Den K√§sten aus der Kategorie ‚ÄěLetzte Reise‚Äú, ‚ÄěAutos‚Äú und ‚ÄěWahre Begebenheiten‚Äú beispielsweise liegen Fotografien zugrunde, die zumeist auf Ereignisse zur√ľckgehen, welche im Laufe der j√ľngeren und j√ľngsten Geschichte Einzug ins kollektive Ged√§chtnis erhalten haben und untrennbar mit ihm verbunden sind. Bei diesen Arbeiten liegt die Spannung vor allem in der Gradwanderung von lieblicher Darstellung und tragischem Sachverhalt, ohne dass es zu einer Verniedlichung oder Verharmlosung kommt. Formal wahrt der K√ľnstler insofern eine wohltuende N√ľchternheit, als er niemals wertend, sondern stets mit konstatierender Haltung und beobachtendem Blick die Motive aufgreift.

Daneben tauchen allt√§gliche und verspieltere Themen auf, die einmal munter bis rechtschaffen und dann wieder traumgebildeartig den pers√∂nlichen Vorlieben des K√ľnstlers folgen m√∂gen. Hier schaut Peter Sauerer buchst√§blich vor die eigenen F√ľ√üe und packt in seine K√§sten eine Spanne von Situationen der Belanglosigkeit und Langeweile bis hin zu ekstatischen Momenten. Eben jene Spannweite, die man im Leben tagein tagaus durchl√§uft. Immer nur Langeweile w√§re √ľbertrieben. Immer nur Ekstase wahrscheinlich nicht gut f√ľr den K√∂rper.

So l√§sst sich wohl auch die Themenbreite der K√§sten insgesamt erkl√§ren. Es gibt die Besch√§ftigung mit dem Tragischen und Unbegreiflichen der deutschen Geschichte sowie mit dem Schicksalhaften aktueller Ereignisse. Daneben steht die Auseinandersetzung mit den Normalit√§ten und Absurdit√§ten des t√§glichen Lebens bis hin zu den H√∂henfl√ľgen der eigenen Phantasie. Peter Sauerer nimmt mit den K√§sten so etwas wie eine Bestandsaufnahme vor. Er skizziert exemplarisch eine individuelle Biografie und gibt gleichsam Auskunft √ľber die Befindlichkeit jenes Gesellschaftsk√∂rpers, dessen Teil wir sind.

Zusammengefasst könnte man Peter Sauerers Kästen vielleicht als den Versuch bezeichnen, dem allgemeinen Chaos (im Kopf) die Ordnung und Übersichtlichkeit eines Baukastens entgegenzusetzen und sich ohne falsche Skrupel ein eigenes Bild von den Dingen zu machen. Vielleicht geht es auch schlicht darum, das Ganze einmal in seine Einzelteile zerlegt zu betrachten, als einen losen Verbund, der im Kern fragil ist. So gesehen zeichnen Peter Sauerers Arbeiten ein sehr ehrliches Bild von der Welt.

  1. Thomas Wimmer, in: Peter Sauerer. Plastiken. Städtische Galerie Villingen-Schwenningen und Städtische Museen Heilbronn, 1998 (Ausstellungskatalog)



aus:
Peter Sauerer
Kästen boxes
Kunstverein N√ľrnberg ‚Äď Albrecht D√ľrer Gesellschaft
Verlag f√ľr moderne Kunst, N√ľrnberg, 2006




















Universum_Nussschale_01

Peter Sauerer
Weltbild, 2010
Walnussschale, Holz, Farbe, Schnur
offene Auflage, 2010
ca. 4 × 4 × 3,5 cm

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peter_sauerer_benedetto

Peter Sauerer
Benedetto, 2006

Ahorn (Papst), Nußbaum (Marterpfahl), Linde (Standfläche), Acryl
3,4 × 11,5 × 5 cm
mit stabförmiger Wandhalterung

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peter_sauerer_mercedes_benz_770_k

Peter Sauerer
Mercedes Benz 770 K
‚ÄěF√ľhrer Parade Car 1‚Äú , 2007

Holz, bemalt / Schnur

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peter_sauerer_mercedes_benz_540_K

Peter Sauerer
Mercedes Benz 540 K ‚ÄěHermann G√∂ring‚Äú, 2007

Holz, bemalt / Schnur
25 × 9 × 9 cm

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