Die Fassbarkeit der Leere

von Andreas Bee

Michael Kalmbach (*1962), dessen Bilder und Skulpturen heute hinlĂ€nglich bekannt und in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen zu finden sind, hat sich Anfang der 90er Jahre in einer faszinierenden, aber leider viel zu wenig bekannten Werkgruppe mit dem ambivalente VerhĂ€ltnis von Anwesendem und Abwesendem auseinander gesetzt und sich intensiv mit der Fassbarkeit der Leere beziehungsweise dem Aussehen der Antiform beschĂ€ftigt. Wir zeigen parallel zu Kalembachs Ausstellung mit neuerer Arbeiten in Köln (Galerie Thomas Rehbein) im Schaufenster unserer Galerie vier dieser seltenen, frĂŒhen Werke.

FĂŒr gewöhnlich entgehen uns die von den Dingen ausgegliederten Bereiche. Sie gelten als zu schwach, instabil, weil leicht verĂ€nderbar. TatsĂ€chlich bedarf es einiger Anstrengung und Übung, will man im Alltag die Antiformen der Dinge in Augenschein nehmen. LĂ€ĂŸt die Aufmerksamkeit fĂŒr das Erscheinungsbild der Hohl- und ZwischenrĂ€ume nur fĂŒr einen Augenblick nach, so setzen sich die Objekte, die fĂŒr die Negativformen verantwortlich sind, sofort wieder durch.

Bei den „GlĂŒhbirnen“ (1991) ist sich der Betrachter meist nach einer kurzen Weile schon darĂŒber im Klaren, dass die materiell vorhandenen Körper aus dem Raum zwischen realen GegenstĂ€nden erwachsen sind. Kalmbach hat den willkĂŒrlich festgelegten Abstand zwischen zwei GlĂŒhbirnen zunĂ€chst in einer flachen Schablone festgehalten. Durch Drehen dieser Schablone um die eigene Mittelachse hat der KĂŒnstler schließlich die Form der drei an umgestĂŒlpte Kelchformen erinnernden Gebilde bestimmt. Das konturgebende Ausgangsobjekt aber ist verschwunden.

Auch die „Schwangere“ (1990) wird – stark verkleinert – nicht durch ein materielles Ebenbild, sondern erst durch ihre Abwesenheit zwischen den zwei vasenartigen Körpern sichtbar. Diese Abwesenheit von etwas wird in der Betrachtung durch die Erinnerung an ein allgemein bekanntes Ausgangsobjekt mit dem erinnerten Bild des Abwesenden gefĂŒllt.

Kalmbachs Vorliebe fĂŒr jenen Bereich, der jenseits der expliziten Form angesiedelt ist, sein Interesse fĂŒr die GrenzĂŒbergĂ€nge einer Form mit dem Raum erstreckt sich auf alle Bereiche des sichtbaren Welt. Mit seinem Blick auf die Dinge kann auch etwas so Banales und AlltĂ€gliches wie der Abstand zwischen den langen Beinen einer Barbie-Puppe zu einer wahre Fundgrube werden. Die kreisrunde Scheiben mit dem hinweisenden Titel (Barbie, 1992) ist durch die Rotation eben dieses Beinabstandes um die Bodenlinie zwischen den FĂŒĂŸe der Figur entstanden.

Kalmbachs Arbeiten zeigen, daß es noch etwas im AlltĂ€glichen zu entdecken gibt, dass es sich lohnt auf der Lauer zu liegen und die Verbindung zu den dunklen, unerforschten Stellen des Lebens aufrechtzuerhalten. Er gehört zu jenen, die weiterhin auf die „anschauende Urteilskraft“ vertrauen, auf die jeder Gestaltung zugrunde liegenden FĂ€higkeit zur Beurteilung der QualitĂ€t der bereits vorhandenen Formen. Sehen heißt dann, wie es Paul Vrilio einmal formuliert hat „in Erwartung dessen, was im Hintergrund auftauchen wird und namenlos ist, auf der Lauer zu liegen, in Erwartung dessen, was keinen Reiz darstellt; (...) deshalb dieses anhaltende Interesse fĂŒr Randerscheinungen, fĂŒr irgendwelche SpielrĂ€ume, letztlich fĂŒr Leere und Abwesenheit.“










Michael_Kalmbach_Gluehbirnen_marginal

Michael Kalmbach
GlĂŒhbirnen, 1991
Gips, Dreiteilig
Höhe 10,5 cm, Ø 7 cm

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Michael_Kalmbach_Barbie-Beine_marginal

Michael Kalmbach
Barbie-Beine, 1992
Gips
Höhe 2 cm, Ø 30,5 cm

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Michael_Kalmbach_Schwangere_marginal

Michael Kalmbach
Schwangere, 1990
Gips, Zweiteilig
Höhe je 77 cm, Ø 22 cm und Ø 15 cm

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