Ein Mann mit Möglichkeiten

oder Ein Liebscher kommt selten allein

von Thomas Wagner

Alles wiederholt sich.
Es ist erstaunlich,
daß jeder denkt, alles ist neu,
dabei ist alles Wiederholung.

Andy Warhol

Alles, was gesagt wird,
sagt ein Beobachter zu einem anderen,
der er selbst sein kann.

Humberto Maturana

1.‚ÄČKapitel: Woraus bemerkenswerterweise etwas hervorgeht

√úber der Pfalz befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostw√§rts, einem √ľber Hessen liegenden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem n√∂rdlich auszuweichen. Die Wetternachrichten taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgem√§√üen Verh√§ltnis zur mittleren Jahres¬≠temperatur, zur Temperatur des k√§ltesten wie des w√§rmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Die Feuchtigkeit der Luft war zwar hoch und der Wasserdampf legte sich in den fr√ľhen Morgenstunden in die Flu√üniederungen, doch das seiner aufw√§rts gerichteten Bahn folgende Zentralgestirn brachte die Feuchtigkeit schon bald zum Verdunsten. Mit einem Wort, das das Tats√§chliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein sch√∂ner Oktobertag des Jahres 2006.(1)

Liebschers schossen aus den Bildern und bev√∂lkerten alle m√∂glichen Welten. Die B√∂rsen wurden von Liebschers √ľberschwemmt und verzeichneten eine Hausse. Auf dem Bodden surften Liebschers in Neoprenanz√ľgen und die Sportagenturen bemerkten es nicht. Beim Auftritt der Liebscher Bros. stand Liebscher an der Bar und auf der B√ľhne. Im Konzertsaal geigte und dirigierte und bratschte und blies er. In der Redaktion schrieb und redete und jubelte nur einer: Liebscher. Willkommen im Club.

2.‚ÄČKapitel: Martin oder die Vermehrung

Ein Liebscher. Unm√∂glich. Liebscher allein kommt nicht vor. Liebscher ist viele Liebscher. Liebscher ist fruchtbar und plural, um nicht zu sagen autopoietisch. Liebscher ist in der Mehrzahl. Liebscher ist ein ganzes Universum und Liebscher ist universal. Liebscher ist die multiplizierte Pers√∂nlichkeit, das Plurale in Person. Liebscher ist der Mensch im Zeitaltter der Masse. Liebscher ist der verzogene Sohn von Elias Canetti, der sich in den Kopf gesetzt hat, alle zu sein. ‚ÄěDer Drang zu wachsen ist die erste und oberste Eigenschaft der Masse‚Äú(2), sprach der Vater. Und Liebscher wuchs. Ins Digitale. Massenhaft. Denn Liebscher ist die digitale Masse. Liebscher ist das Massenmedium. In ihm ist die offene Masse Bild geworden, die nat√ľrliche Masse, der keine Grenzen gesetzt sind.(3) Wie diese erkennt Liebscher keine H√§user, T√ľren und Schl√∂sser an, die sich vor ihm versperren. Und so pl√∂tzlich diese nat√ľrliche Liebscher-Masse auftaucht, so pl√∂tzlich und √ľberraschend ist sie anderswo. War sie gerade noch im Casino, ist sie im n√§chsten Moment im Museum oder im Konzertsaal. Liebscher ist Vorstand und Liebscher ist das Publikum. Liebscher ist das Volk und die Bev√∂lkerung. Liebscher ist √ľberall und √ľberall ist Liebscher. Liebscher ist der Mensch ohne Macht, aber mit massenhafter Phantasie. Deshalb ist Liebscher unendlich. Selbst Gertrude wu√üte: Liebscher ist Liebscher ist Liebscher ist Liebscher.

3.‚ÄČKapitel: Ein Mann mit M√∂glichkeiten

Jede Ordnung f√ľhrt ins Absurde. Der Mann mit M√∂glichkeiten ist ein Ph√§nomen kursorischer Lekt√ľre. Er balanciert auf dem schmalen Grat von Wirklichkeit und M√∂glichkeit. Der Mann, den sie Liebscher nannten, aber ist ein Mann mit M√∂glichkeiten. Denn was er auch tut, er ist immer Liebscher unter Liebschern. Er ist und bleibt Liebscher. Aber er ist immer in der Mehrzahl. Immer in der √úberzahl. Er sch√∂pft alle seine M√∂glichkeiten aus, Liebscher zu sein. Doch was er auch tut, aus dem Liebscher kommt er nicht heraus. Deshalb sind seine M√∂glichkeiten begrenzt. Wenn das Wahrnehmen davon abh√§ngt, da√ü man zwischen Unver√§nderlichem und Ver√§nderlichem unterscheidet, dann nimmt Liebscher wahr. Und wir nehmen Liebscher wahr, wie er in den unterschiedlichsten Situationen immer nur Liebscher wahrnimmt und Liebscher bleibt. Liebscher ist also ein Traum von Subjektivit√§t. Immer treu und redlich. Immer bei sich. Was auch geschieht. Auf das Liebscher-Subjekt ist Verla√ü.

Ist Liebscher deshalb ein trunkener Solipsist? Einer, der sich seine Liebscher-Welt nur einbildet? Was nutzen ihm seine vielen Rollen? Macht Liebscher Erfahrungen? Ist Liebscher austauschbar? Nichts als Fragen. Die alten Fragen. Es geht einfach nichts √ľber die alten Fragen. Der Fisch, sagt ein altes chinesisches Sprichwort, ist der einzige, der nicht wei√ü, da√ü er im Wasser schwimmt.

4.‚ÄČKapitel: Liebscher oder die Pataphysik

Vielleicht hilft ja die Pataphysik. Oder, wie Jarry das nannte, die Pfuisik, ist sie doch einer der drei Faktoren, die die Existenz von König Ubu bestimmen. Die anderen sind Pfuinanz und Schreiße. Nun denn. Die Pataphysik aber ist die Wissenschaft von dem, was zur Metaphysik hinzukommt, sie ist die Wissenschaft vom Besonderen. Sie soll die Gesetzte untersuchen, durch die Ausnahmen bestimmt werden.(4) Und Liebscher ist die Ausnahme. Die Ausnahme in Überzahl. Die Pataphysik ist die Wissenschaft imaginärer Lösungen.(5) Und so ist die Welt der Pataphysik eine der möglichen Liebscher-Welten.

5.‚ÄČKapitel: Liebscher und seine Galaxie

Liebscher f√ľhlt sich im Land der unbegrenzten M√∂glichkeiten wohl. USA eben. Freiheit und Abenteuer. Wie es im Klischee steht. Das geht nicht ohne einen entsprechenden Schlitten. Gro√ü, durstig, ein Schiff zum Cruisen, zum Gleiten und Tr√§u¬≠men. Ein Schiff wie bei Kaurism√§ki in der finnischen Ein√∂de, mit einem Dach wie eine zu gro√ü geratene M√ľtze, ein Gef√§hrt, in dem der finnische Ariel durch den Schnee f√§hrt. So wie der schweigsame Finne durch den Schnee f√§hrt, so f√§hrt Liebscher durch die kalifornische W√ľste. Auf der Suche nach Ufos. Die er selbstverst√§ndlich findet, weil er sie sieht, √ľber der Tankstelle oder dem Motel. Liebscher wei√ü sofort Bescheid. Nur die anderen sehen sie nicht, auch wenn er sie fotografiert. Weil ihnen, wie den Menschen in Science-Fiction-Filmen, die Phantasie fehlt und das Auge. Liebscher f√§hrt derweil in seinen Ford Galaxie 500, Baujahr 69, Farbe Gold, durch die Welt. Seine Galaxie ist oben offen, damit man die Sterne sehen kann, und die Ufos. Was sonst. Baby you can drive my car. Nehmen wir den Lost Highway.

6.‚ÄČKapitel: Liebscher und die Autopoiesie

Liebscher, der Driver, und Liebscher, der bewegte Fotograf, und Liebscher, der Mann mit M√∂glichkeiten, sie alle sind durch und durch autopoietisch. Denn Liebscher erschafft sich permanent selbst. Er ist kein Luhmann, sondern ein Liebscher, aber doch ein operational geschlossenes System. So wie sich Kommunikation nur scheinbar direkt auf die Umwelt bezieht, sich aber tats√§chlich nur auf die von ihr nach ihren eigenen Gesetzen wahrgenommene innere Abbildung der Umwelt, letztlich also auf sich selbst bezieht, so bezieht sich Liebscher permanent auf sich selbst als einen Liebscher, der sich auf eine von Liebscher wahrgenommene Umwelt bezieht, die tats√§chlich nur die von einem Liebscher nach seinen Gesetzen wahrgenommene Abbildung der Umwelt, also Liebschers‚ÄȂĶ na, Sie wissen schon. Liebscher ist ein Ouroburos, ein Liebscher, der sich selbst in den Hintern tritt. Und die dynamische Stabilit√§t der von Liebscher hergestellten Bilder von Liebscher beruht auf zirkul√§rer Kausalit√§t, was bedeutet, da√ü man auf der Ebene des Bildes eine Stabilit√§t erkennen kann (lauter Liebschers auf dem Campingplatz), zugleich aber auf der Ebene des Denkens eine Systemver√§nderung festgestellt werden mu√ü (was tun die alle hier, wo es doch nur einen Liebscher gibt, der die Aufnahme gemacht haben mu√ü).

7.‚ÄČKapitel: Das bewegte Bild als Parallelaktion

Liebscher liebt das bewegte Bild. Doch anders als gew√∂hnlich. Er dreht keinen Film, sondern er dreht den Film. Sein bewegtes Bild ist also ein statisches Bild, das Bewegung nicht einfach fixiert, sondern selbst durch die gleichzeitige, parallele Bewegung der Kamera und des Films bewegt wird. Das Bild fixiert somit nicht einfach Bewegung, sondern es selbst ger√§t ‚ÄĒ ganz real als Negativ in der Kamera ‚ÄĒ in Bewegung, um Bewegung aufzuzeichnen. Bewegung aber wird ‚ÄĒ von Tokio bis Chicago ‚ÄĒ nicht um der Bewegung willen aufgezeichnet, sondern um dem Irrsinn all der gleichzeitig sich ereignenden Wahrnehmungen auf die Schliche zu kommen. Zu diesem Zweck hat Liebscher seine Kamera so manipuliert, da√ü der Filmstreifen bei offenem Verschlu√ü in der Kamera bewegt werden kann. Die Apparatur erlaubt es Liebscher, seinen K√∂rper mit der Kamera im Raum zu bewegen und gleichzeitig den Film in der Kamera √ľber eine unbestimmte, von der Hand an der Filmtransportkurbel bestimmte Strecke zu transportieren. So wird Liebschers fotografische Wahrnehmung zu einer Aktion parallel zur Aktion seines K√∂rpers und seiner Hand. Und mittels dieser Parallelaktion wird die Wahrnehmung der Apparatur zur Wahrnehmung der Wahrnehmung der Aktion Liebschers.

8.‚ÄČKapitel: Liebscher am Arbeitsplatz

Liebscher tr√§umt den Alptraum der Gleichzeitigkeit. Liebscher sitzt am Computer und schaut sich dabei √ľber die Schulter. Sein nackter K√∂rper liegt auf einem Tisch und wird von vielen Liebschers mit Schutzbrille untersucht. Er wirft sein Double zu Boden, er trinkt Bier, er sitzt auf dem Boden, er liegt auf dem Boden, er gibt sich einen Ku√ü, er betrachtet Fotos, er pinnt Fotos an die Wand, er hantiert mit einem Fotoapparat mit aufgesetztem Teleobjektiv, er bl√§ttert in einem Buch, er durchsucht Akten, er spielt zu zweit mit einem Modellauto, er fa√üt sich an den Kopf, an seinem ‚ÄěArbeitsplatz‚Äú, der wie die Spiegelung in einer blitzblanken Kugel sich zu einem sph√§rischen Gebilde rundet. Denn Liebscher ist seine eigene Sph√§re. Immer. Wenn Liebscher Schiff f√§hrt, dann zu neunt. Wenn Liebscher auftritt, dann massenhaft. So ist Liebscher niemals allein und bleibt doch ganz unter sich und seinesgleichen. Liebscher ist ein einziges mediales Echo, ein Hallraum voll von Bildern des Produzenten der Bilder. Sein panoramatisches Universum ist eine Absurdit√§t.

9.‚ÄČKapitel: Ein Prosit der Vergeblichkeit

‚ÄěNichts geht ohne LiebscherBr√§u.‚ÄĚ Denn: ‚ÄěAlle trinken LiebscherBr√§u.‚Äú Bis die Bilder vollends trunken sind und es hei√üt: Der Rest ist Liebscher. (Bitte spulen Sie den Film jetzt zur√ľck.)

  1. vgl. Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Roman, Erstes Buch, Erster Teil, Kapitel 1, Reinbek bei Hamburg 1978, S.‚ÄČ9
  2. Elias Canetti, Masse und Macht, M√ľnchen Wien, o.J., S.‚ÄČ15
  3. vgl. Canetti, a.a.O.
  4. Alfred Jarry, Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll, Pataphysiker, Zweites Buch, Elemente der Pataphysik, zitiert nach: Klaus Ferentschik, Pata- physik. Versuchung des Geistes, Berlin 2006, S.‚ÄČ51
  5. ibid.


aus:
A man With Opportunities, Köln
Verlag der Buchhandlung Walther König, 2007































Martin_Liebscher_Galaxie_500_marginal

Martin Liebscher
Galaxie 500, 2002

Lambda C-Print, kaschiert hinter
Acryl-Glas auf Alu-Dibond-Träger
mit r√ľckseitiger Aufh√§ngung
22 × 28 cm

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