Grazil verdreht
oder launisch eingerollt

von Andreas Bee

Eine erstmals im September 1996 gezeigte Werkgruppe versammelt bemalte Schweine­ohren. Dabei handelt es sich nicht um frische fleischige Hautlappen, sondern um getrocknete Exemplare des gewöhnlichen deutschen Hausschweins, um Oh­ren also, wie sie in jeder Tierhandlung als ›Kau­knochen‹ für Hunde zu kaufen sind. Präsentiert werden die zur Malfläche mutierten Lauscher auf weißer Wand in Au­genhöhe des Betrachters. Der Raum zwischen rechtem und linkem Ohr entspricht etwa der Größe eines Schweinekopfes. Die Wirkung ist verblüffend: Wie bei einer herkömmlichen Jagdtrophäe bildet sich in der Vorstellung des Betrachters oftmals zwischen den Ohren der Kopf eines Schweines mit kurzem, dicken Hals aus. Kein Ohrenpaar gleicht dem anderen, die getrockneten Exemplare erscheinen in den vielfältigsten Formen. Manche Ohren wirken so, als stammten sie von einer stolzen, kecken Sau, er­scheinen grazil verdreht oder launisch eingerollt. An­de­re sind breit und mächtig und lassen als Träger einen alten, starken Eber vermuten. Dann wieder be­gegnen uns lange und schmale, kompliziert gewundene, segelartig aufge­span­nte oder unprätentiös geformte, kurze, breite Ohren. Jedes Paar steht für einen be­stimmten Cha­rak­ter. Auch das Paar roter Ohren im MMK fördert An­regungen und Assozia­tio­nen in Fülle zutage. Sie alle aufzuzählen, würde zu weit führen. Allerdings: Wer angesichts dieser eigentümlich-suggestiven Ver­bin­dung­en von Form und Inhalt nicht auch Verschla­ge­nes sieht und denkt, der ist wahrscheinlich auf dem Holz­weg. Und wem das Ganze absurd er­scheint, dem sei entgegengehalten, daß wir von Zeit zu Zeit des Ab­­surden bedürfen, um dem objektiven Wahnsinn nicht zu erliegen.

aus:
Marko Lehanka – Ein Raum im MMK



















Marko_Lehanka_Schweine-Ohren_marginal

Marko Lehanka
Ohne Titel, 2008
Ölfarbe auf Schweineohren

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