Späte Reue
von Andreas Bee
(...) Es wird höchste Zeit, endlich einmal eine Geschichte zu erzählen, die ich seit Jahren nicht losgeworden bin. Ich habe bisher mit kaum jemandem darüber gesprochen. Es war mir peinlich und unangenehm, auch wenn es letztlich nur um zwei dumme Frösche ging. Doch diese Sache belastet mich noch immer. Obwohl sie 30 Jahre zurück liegt. Sie ist mir kurz vor der Eröffnung des Wilhelm-Hack-Museums in Ludwigshafen passiert, eines Nachts, in der provisorischen Teeküche im Untergeschoß des Hauses.
Ich hatte die Aufgabe ein Organigramm zu erstellen, also ein Schaubild zu zeichnen, das die personelle und funktionale Struktur des Museums veranschaulicht. Da ich so etwas vordem noch nie gemacht hatte, habe ich ein wenig nachgelesen, wie man da vorgeht. Irgendwo fand ich bei meiner Lektüre dann ganz nebenbei den Hinweis, dass sich Organisationen meist wie Organismen, wie Lebewesen verhalten und dass manche Organisationen im Laufe der Zeit ein Eigenleben und einen ausgeprägten Eigensinn entwickeln können. Und da dem nun einmal so ist, behauptete jedenfalls der Autor meines Buches, hätten auch Organisationen genau wie Organismen häufig die allergrößten Schwierigkeiten, eine sich allmählich anschleichende Katastrophe zu erkennen. Wie Experimente mit Fröschen hinlänglich bewiesen hätten. Und diese Experimente gehen so:
Man nehme einen Topf mit kaltem Wasser, setze einen oder mehrere Frösche hinein und erwärme das Wasser ganz, ganz langsam, bis es kocht.
Der Frosch, so wurde nun behauptet, wird von der allmählich ansteigenden Temperatur nichts merken, sondern bei lebendigem Leib verbrühen. Denn der Frosch ist als Organismus offenbar nicht in der Lage, eine graduelle Veränderung der für ihn lebensrelevanten Umwelt zur Kenntnis zu nehmen. Er wird sich bis zu seinem Ende behaglich fühlen und den Moment, in dem er stirbt einfach verpassen.
Das war es, was ich seinerzeit nicht glauben konnte und unbedingt ausprobieren musste. Und ich gestehe: Es stimmt!
Ob Organisationen, die sich ja verhalten wie Organismen, ebenso wenig wie Frösche in der Lage sind, eine sich allmählich entwickelnde Katastrophe zu bemerken, kann ich natürlich nicht mit letzter Sicherheit sagen.
Doch grundsätzlich scheint an der Sache etwas dran zu sein. Denn die Erfahrung lehrt ja immer wieder, dass uns für schleichende Veränderungen oft das geeignete Sensorium fehlt. Ob wir nun im System einer Liebesbeziehung, in der Familie, in einer Firma, in einem Museum oder Kunstverein, im Ausstellungsbetrieb oder in weitläufigen Gesellschaftsstrukturen verstrickt sind.
Wenn wir nun aber nicht in der Lage sind, das System, in dem wir stecken, zu beurteilen, dann müssen wir uns ständig neue Messtechniken ausdenken, die uns helfen, etwas über die „Wassertemperatur“ zu erfahren.
Womit wir endlich bei der Kunst wären. Und ohne diese instrumentalisieren zu wollen, behaupte ich, dass es nicht zuletzt die Werke der Kunst sind, an denen wir uns prüfen, an denen wir überprüfen können, wo wir stehen. Es ist nicht zuletzt die Kunst, mit deren Hilfe wir uns vor Augen führen können, wie aufmerksam blind wir gegenüber Situationen sind, in denen wir selber stecken.
Wie aber funktioniert das, wie können wir Erkenntnisse, die wir in der Auseinandersetzung mit Werken der Kunst gewinnen auf unsere persönliche Situation übertragen?
Zunächst einmal dadurch, dass wir darüber nachdenken, was mit uns passiert, wenn wir ein Bild, eine Ausstellung betrachten. Indem wir uns klar machen, dass wir beim Betrachten eines Kunstwerkes zu Beobachtern zweiter Ordnung werden, begreifen wir möglicherweise, dass wir selber von Beobachtern zweiter Ordnung umgeben sind.
Wenn ich zudem noch weiß, dass ich immer nur unzureichend darüber unterrichtet bin, was mein Tun oder Nichttun bedeutet, werde ich die Leute, die mich beobachten, daraufhin beobachten, was diese über mich wissen. So kann ich mit den Augen der anderen das System betrachten, in dem ich agiere, erfahre etwas über mich und etwas darüber, was die Welt von mir erwartet.
Kurz: Wenn wir uns durch die Augen der anderen sehen, können wir lernen, was wir tun müssen, um zu verhindern, dass das System, in dem wir stecken, kollabiert.
Mit dem Werk, das der Künstler schafft, hat das viel, mit der Persönlichkeit des Künstlers hat das wenig zu tun. Denn es geht in der Kunst nicht in erster Linie darum, dass sich ein Künstler selbst zum Ausdruck bringt, sondern vielmehr darum, dass durch seine Arbeit ein Raum geöffnet wird, in dem wir uns finden, in dem aber der Künstler möglichst gar nicht mehr anwesend ist.
Was wir im Raum des Bildes entdecken und erfahren, davon müssen wir uns gegenseitig erzählen. Und je mehr es zu erzählen gibt, desto besser. Denn es gilt auch weiterhin das hermeneutische Prinzip, wonach die Bedeutung einer Aussage vom Hörer und nicht vom Sprecher abhängig ist. Es ist also niemals der Künstler, der entscheidet, welches Werk welche Bedeutung hat, es sind letztlich die Betrachter, die durch die Intensität und Art und Weise ihrer Betrachtung die Relevanz einer Arbeit bestimmen. (...)
Der Künstlerin geht es darum, die Grenzen und Möglichkeiten des eigenen Systems auszuloten. Der Betrachter aber kann, wenn er denn will, seinen Sinn für das Mögliche im Gegebenen prüfen und schärfen. Wer aber von den Möglichkeiten, die der Möglichkeitssinn enthält, spricht, muß auf Robert Musils berühmtem Roman über seinen Mann ohne Eigenschaften verweisen. Ich zitiere aus dem vierten Kapitel:
„Wenn man gut durch geöffnete Türen kommen will, muß man die Tatsache achten, dass sie einen festen Rahmen haben: dieser Grundsatz, nach dem der alte Professor immer gelebt hatte, ist einfach eine Forderung des Wirklichkeitssinns. Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, dass er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann.
Wer ihn (den Möglichkeitssinn!!!) besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. Man sieht, dass die Folgen solcher schöpferischen Anlage bemerkenswert sein können, und bedauerlicherweise lassen sie nicht selten das, was die Menschen bewundern, falsch erscheinen und das, was sie verbieten, als erlaubt oder wohl auch beides als gleichgültig.“
Woher kommt aber das Interesse, die Begabung und Begeisterung für den Möglichkeitssinn? Dazu wieder Musil:
„Es ist die Wirklichkeit, welche die Möglichkeiten weckt, und nichts wäre so verkehrt, wie das zu leugnen. Trotzdem werden es in der Summe oder im Durchschnitt immer die gleichen Möglichkeiten bleiben, die sich wiederholen, so lange bis ein Mensch kommt, dem eine wirkliche Sache nicht mehr bedeutet als eine gedachte. Er ist es, der den neuen Möglichkeiten erst ihren Sinn und ihre Bestimmung gibt, und er erweckt sie. Ein solcher Mann ist aber keineswegs eine sehr eindeutige Angelegenheit. Da seine Ideen, soweit sie nicht müßige Hirngespinste bedeuten, nichts als noch nicht geborene Wirklichkeiten sind, hat natürlich auch er Wirklichkeitssinn; aber es ist ein Sinn für die mögliche Wirklichkeit und kommt viel langsamer ans Ziel als der den meisten Menschen eignende Sinn für ihre wirklichen Möglichkeiten. Er (der Mensch mit dem Möglichkeitssinn – Anm. d. Verf.) will gleichsam den Wald, und der andere (der mit dem Wirklichkeitssinn – Anm. d. Verf.) die Bäume; und Wald, das ist etwas schwer Ausdrückbares, wogegen Bäume so und so viel Festmeter bestimmter Qualität bedeuten.“
Mit dem Hinweis auf diese für die Kunst kaum zu überschätzende Kapitel bei Musil will ich sagen:
Wir brauchen die Kunst, notwendigerweise, wir brauchen sie chaotisch, widersprüchlich, poetisch, drastisch, sarkastisch, leicht und schwer, spielerisch und ernst, wir brauchen die Kritiker der Kunst und deren Kritiker, wir brauchen Menschen mit Wirklichkeitssinn und nicht minder brauchen wir Menschen mit einem ausgeprägten Möglichkeitssinn, damit wir uns stimulieren können und wach bleiben und immer wieder ins Offene gelangen und es uns am Ende nicht so geht wie den beiden Fröschen, denen ich noch etwas schuldig war. (...)
Auszug aus der Eröffnungsansprache anlässlich der Ausstellung „leaves left“
von Katja Eckert am 21. Juli 2005 im Institut für moderne Kunst/Zumikon
in Nürnberg.