Gefährliche Liebschaften

von Elke Keiper

Als Bridget Riley im Jahr 1965 anlässlich ihrer Teilnahme an der Ausstellung The Responsive Eye nach New York kam, erlebte sie einen Schock: In den Schaufenstern von Modegeschäften sah sie sich unerwartet mit ihrer eigenen Arbeit konfrontiert — man hatte sich die abstrakten Strukturen ihrer Bilder als Stoffmuster angeeignet. Auf dem Rückflug nach London hatte sie nur einen Gedanken: „Es wird mindestens 20 Jahre dauern, bevor irgendwer meine Bilder wieder ernsthaft ansieht.“(1)

Jochen Twelker scheint als Maler den eben beschriebenen Prozess genau umzukehren. Sein Ausgangsmaterial sind gesehene Stoffmuster, die sich aus einem in der Geschichte der Malerei vorhandenen Konvolut abstrakter Formen bedienen: Streifen, Quadrate oder farbige Punkte sind die sich wiederholenden Elemente. Dabei wählt Twelker für die Abbildung seiner Ausgangsmotive – die Muster von Hemden, Pullovern oder Blusen – extreme Nahsichten sowie große Formate, sodaß eine Wiedererkennung des realen Gegenstands erschwert wird. Der optische Reiz der Oberfläche erscheint dem Betrachter als ungegenständliche Malerei.

Allerdings hat sich Jochen Twelker entschieden, diese Stoffe als am Körper getragene Kleidungsstücke zu zeigen, wodurch sich unerklärliche Krümmungen und Verwerfungen des Musters und lichte beziehungsweise umschattete Partien ergeben. Mit diesem „Trick“ installiert Jochen Twelker Verweise auf den Ursprung des Motivs: Aspekte der visuellen Welt werden eingefangen und in ein Bild übersetzt, das dann an abstrakte Malerei erinnert.

Damit wird die erfaßte Wirklichkeit weder eindeutig zu einem abstrakten, autonomen Bildereignis, noch zur Abschilderung von Realität, sondern Twelker umspielt genau den schmalen Grad zwischen diesen beiden Haltungen. Durch die Addition von Bildtiteln, die oft allgemein bekannte Filmtitel zitieren, erweitert Twelker seine Arbeiten zudem in einen dritten Bedeutungsraum hinein. Es entstehen Spielräume für den Betrachter, der nun assoziativ das Bildangebot in Beziehung zu medial erzählten Geschichten setzt.

In den neueren Bildern wird diese vormals durch den Titel des Bildes erzeugte Erweiterung des Vorstellungsraums im Bild selbst angelegt, denn nun kommt die „reale“ Bildvorlage noch ausdrücklicher ins Spiel: So schleust Jochen Twelker jetzt bedruckte Stoffe mit Bildmotiven ein, die zum Teil inhaltlich stark besetzt sind. Palmen, ein Jesusgesicht oder in Rumble in the Bronx vier „Gesichter“, die uns entgegenblicken. Bei letzteren wird durch deren Darstellungsweise, die an Manga-Comics und Pop-Art erinnert, als auch durch die Art der Inszenierung schnell deutlich, daß Jochen Twelker auch hier bedruckte, am Körper getragene Kleidung zeigt. Und trotzdem schauen uns im Ergebnis diese Gesichter an; sie werden zum verbindlichen Gegenüber.

Durch diese Bildstrategie stellt sich die grundsätzliche Frage nach Bedeutung noch schärfer: Wurde das Anliegen der Befragung von Bild-Wirklichkeit in den älteren Arbeiten durch Bezug auf die Kunstgeschichte der Moderne und durch ins Bild gemalte Verweise auf das reale Ausgangsmotiv sowie über den Bildtitel eingeschleust, so thematisiert Jochen Twelker diese Fragen in den neuesten Arbeiten durch ein „Mehr“ an Gesehenem und Sichtbaren. Der Bildraum wird noch weiter geöffnet, der Ausschnitt wird zum Panorama. Doch gleichgültig, ob Twelker ein Gruppe von betenden Moslems oder eine Wahlkampfveranstaltung mit Gouverneur Schwarzenegger wählt: hier erklärt der performative Akt der Nacherzählung von Wirklichkeit nichts, sondern wirft Fragen auf, die auf produktive Weise unbeantwortet bleiben.

Jochen Twelker beschäftigt sich mit der Auflösung von Realität ins Bild und den Anleihen eines Bildes an der Realität. Die bewußte Referenz an die Bild-Ikonen der Vergangenheit verleiht den Arbeiten von Jochen Twelker Werthaltigkeit, die Referenz an das reale Bildmotiv relativiert diese wieder. Im bewußt aufgeworfenen, aber nicht entschiedenen Widerstreit der Bedeutungen und im Spiel der gefährlichen Liebschaften behauptet sich die gekonnt vorgetragene Malerei als Wert an sich und erklärt das Bild selbst zum letztendlichen Gegenstand des Interesses.

  1. Bridget Riley, zitiert nach Robert Kudielka: Malen um zu sehen, Ostfildern, 2002


aus:
Jochen Twelker, Gefährliche Liebschaften
Kehrer Verlag Heidelberg, 2004






















jochen_twelker_girl_next_door_01

Jochen Twelker
Girl Next Door, 1996
Aquarell
20 Ă— 16 cm

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jochen_twelker_girl_next_door_02

Jochen Twelker
Girl Next Door, 1996
Aquarell
20 × 16 cm

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