Der Knoten bin ich
von Andreas Bee
Der letzte Knoten ist nicht das Ziel,
doch solange nicht der letzte Knoten geknüpft wurde,
ist das Ziel nicht erreicht.
Für sein erstes Seidenstück setzt Jens Risch von Oktober 2000 bis November 2004 Knoten an Knoten. So lange, bis sich kein weiterer mehr hinzufügen lässt. Ende März 2003 ist der anfänglich einen Kilometer lange Seidenzwirn das erste Mal durchgearbeitet. Die Knotenschnur misst nun noch 233 Meter. Von Neuem beginnend knotete Risch dieses Stück bis September 2004 und verkürzt so die Schnur auf 58 Meter. Nach dem dritten Durchgang komprimiert sich der Zwirn weiter auf 12,30 Meter, nach dem vierten auf 3,35 Meter, nach dem fünften auf knapp einen Meter. Der darauf folgende sechste Durchgang ist der letzte und führt zum bekannten Ergebnis mit den ungefähren Objektmaßen von 9 × 8 × 6 Zentimetern.(1)
Eine offenbar klare Sache. Doch bringen uns diese Informationen des Künstlers wirklich weiter? Helfen sie uns bei der Beantwortung der Frage, wie man sich nun der zweifellos faszinierenden Arbeit von Jens Risch nähern, wie man sie verstehen kann? Müssen wir überhaupt über den Entstehungsprozess unterrichtet werden? Entwickelt das Objekt nicht vielmehr gerade dort seine Kraft, wo es über die Veranschaulichung seiner Entstehungsgeschichte hinausgeht? Soll uns der Hinweis auf die Herstellung dazu verleiten, dass wir das Werk als Vehikel benutzen und uns hinter dem Seidenstück einen über den Wert seiner Arbeit im Speziellen und die gesellschaftliche Arbeitsteilung im Allgemeinen meditierenden Künstler denken? Oder wäre es nicht hilfreicher, ganz vom Künstler abzusehen und die altbewährte Assoziationsmaschine zu bemühen, um ein möglichst engmaschiges Netz aus Analogien – Knollengewächs, Koralle, Schwamm, also Bilder aus Mineral-, Pflanzen- und Tierwelt – zu knüpfen?
Wenn, wie immer wieder behauptet wird, der Königsweg der Annäherung an ein Kunstwerk tatsächlich in der exakten Benennung dessen liegt, was wir vor Augen haben, wie lässt sich dann das Objekt von Jens Risch beschreiben? Was ist Oberfläche, was die allgemeine Form? Sollen wir das Objekt als Ganzes anschauen und das Detail vernachlässigen? Oder ist es besser, wenn wir uns auf einen Abschnitt oder auf einzelne Knoten konzentrieren? Besteht die Aufgabe (einfach gesagt) in der gleichzeitigen Wahrnehmung des Einzelnen und des Ganzen? Geht es also um die Erfassung eines bestimmten Momentes, um jenen Augenblick, wo eins in das andere fällt, wie in der Poesie? Dann wären wir beim Ameisenhaufen-Effekt. Auch beim Ameisenhügel kann man bekanntlich nicht gleichzeitig das einzelne Tier betrachten und die Bewegungsströme analysieren. Beides gleichzeitig zu sehen, die Ströme und die Tierchen, gelinge, so sagt man, nur in der intensiven Meditation, nach etwa drei bis vier Tagen. Was auch immer man von einer derart kontemplativen Herangehensweise halten mag, vielleicht erweitert es ja tatsächlich unseren Horizont, wenn wir ab und an über unsere aufklärerischen Vorstellungen hinausgehen. Möglicherweise ist es eine Bedingung der künstlerischen Erkenntnis selbst, dass sie sich verbirgt, dass sie uns stets verschleiert und geheimnisvoll erscheint. Möglicherweise ist auch in diesem Falle die Form der Wahrheit eher zu finden, wenn wir sie als poetisch, also nicht wörtlich, sondern symbolisch verstehen.
Ich meine, das „Seidenstück“ von Jens Risch ist vor allem ein sinnlich-anschaulicher Denkgegenstand, ein Werk der Kunst, und als solches nicht Widerspieglung eines anderen (politischen, ökonomischen) Bereichs, der für sich in Anspruch nehmen darf, die einzig wahre Bedeutung zu verkörpern. Somit ist das Werk auch niemals nur die stille Reflexion von etwas anderem, das das „wahre Handeln“ darstellt, noch die Sublimierung von etwas anderem, das der „wahre Akt“ wäre. Im Raum der Kunst verkörpert der schöpferische Geist das Leben selbst, ist er die wahre revolutionäre Kraft, die die Welt verändert. „Hier ist der Wendepunkt, hic Rhodus, hic salta; was, nach Hegel, mit ,Hier ist die Rose, hier beginne zu tanzen‘ übersetzt werden muß. Zu tanzen beginnen; wer kann zwischen Tänzer und Tanz unterscheiden; es ist die unmögliche Einheit und Vereinigung aller Dinge.“(2) Die Aufgabe für den Betrachter besteht also möglicherweise doch in der gleichzeitigen Betrachtung des Einzelnen und des Ganzen.
Knoten. Schifferknoten, Zierknoten, Knotenschrift. Hyperbolische Geometrie. Das Knüpfen des Knotens als Ritual. Der Knoten, der unlösbare zumal, als Sinnbild der verworrenen, in sich verschlungenen, verhedderten und heillos verstrickten Welt, aus der vielleicht nur das Wort des Evangeliums oder die Lehren Buddhas herausführen. Ich liebe und ich hasse. Verknotete Gefühle. Knotenpunkte. Verknüpfte Lebenslinien. Knoten als Symbol der Fesselung, der Einengung, des Verhaftetseins und der Freiheitsbeschränkung. Der Faden als Träger des menschlichen Loses. Der Faden des Lebens, der Faden des Todes. Der Notruf des Menschen: „Der Knoten bin ich!“ Aber auch die erlösende Aussicht: der Glaube, Maria, die Evangelisten oder die Meditation als Knotenlöserin. Das Seidenstück: ein Klumpen Zeit. Die Zeit aber, so scheint der Knoten des Künstlers zu sagen, löst keine Probleme, sie ist das Problem.
Während Jens Risch seine Knoten knüpft, malt On Kawara weiter an seiner 1966 begonnenen Serie der Date Paintings. Auch sie setzen, wie die kontinuierlich aufeinanderfolgenden Knotenobjekte – zurzeit arbeitet er an Knoten Nummer III –, schwer zu fassende Prozesse in Gang. Hier wie dort erscheint ohne Unterlass das Verschwinden selbst als Verschwundenes. „Es zeigt sich nicht als Verschwundenes selbst, sondern nur die Tatsache, dass es verschwunden ist. Dies ermöglicht dem Werk, sich Unvereinbarkeiten zu öffnen, ohne durch sie vereinnahmt zu werden und sich im ‚Zwischen‘ von Existenz und Nichts, Licht und Dunkel, Kontinuität und Diskontinuität, Physik und Metaphysik, Teil und Ganzes, Zeit und Raum, Konzentration und Auflösung, Tag und Nacht, Zufall und Unvermeidlichkeit, Endlichkeit und Unendlichkeit, Wille und Intuition, Sehen und Nichtsehen, Differenz und Gleichheit, Erscheinen und Verschwinden, Eines und Viele, Nichts und Bewusstsein, Leben und Tod, Logik und Prozess, Schweigen und Zeit, Teilung und Verschmelzung, Horizontalität und Vertikalität, Idee und Erscheinung, Axiom und Widerspruch, Minimum und Maximum zu bewegen.“(3)
- Dieses erste von Risch gefertigte Seidenstück erwarb das MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main
und präsentierte es vom 8. Februar bis 27. September 2008 in der Mitte des Raumes mit den Date Paintings von On Kawara. Bei dem hier dokumentierten Stück handelt es sich um das zweite Exemplar einer Reihe von ähnlich gearbeiteten Werken. - Norman O. Brown, Love’s Body. Wider die Trennung von Geist und Körper, Wort und Tat, Rede und Schweigen, München 1967, S. 247
- Henning Weidemann, On Kawara, Ostfildern 1994, S. 57
aus:
Jens Risch, Seidenstück II
Herausgegeben von Andreas Bee
MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main
Verlag der Buchhandlung Walther König
