Caro Suerkemper – Anmut und Würde

von Tanja Langer

„Dem frommen ist gott,
dem bösen sin anmut ein gesetz“.

Bevor die Anmut domestiziert wurde, zum Reizenden, Gefälligen, oft harmlos wie die Porzellanfiguren als Tischdekoration, die das 17. und 18. Jahrhundert liebten, später heruntergekommen zum Nippes, steckte in ihr, in der noch männlichen Wortform, ein affectus, Begierde, Lust und Appetit. Von Selbstvergessenheit, von schöner Gedankenlosigkeit war später die Rede. Rochefoucauld, der Moralist, sprach vom „je ne sais quoi“, jenem „gewissen Etwas“ einer geheimen Symmetrie, deren Regeln man nicht kennt.

Die Würde, dem Vorstellungskreis eines inneren wie äußeren Wertes zugehörend, den sozialen Rang zunächst bedeutend, bezeichnet im Laufe der Zeit jenen Habitus geistig und sittlich autonomer Wesen, in denen sich ihr innerer Wert ebenso kundtut wie ihr Anrecht auf Selbstachtung und Achtung anderer. Ihr Ausdruck ist: Distanz. Oder, wie Schiller es formulierte: „Beseligend war ihre nähe / und alle herzen wurden weit, / doch eine würde, eine höhe / entfernte die vertraulichkeit.“

Wo Rituale der Lächerlichkeit preisgegeben werden, werden Akteure zu Verrätern der Passionen ihres Gegenübers. Welche Passion wäre so erregend wie dieses Sich-Ausliefern, das sich in Fesseln begibt, dieses Sich-Überantworten, das einer Anbetung gleichkommt?

Die Künstlerin hört bei der Arbeit Kantaten von Johann Sebastian Bach, wenn sie sich auf den Weg macht, in Darstellungen, die gemeinhin als pornographische bezeichnet werden, Anmut und Würde der „Unzüchtigen“ zu entdecken, denn nichts anderes bedeutet das griechische pornea, Unzucht. Altmodisches Wort, möchte man meinen, so unschuldig wie das Lächeln mancher ihrer Figuren.

Figuren, die sich nicht im Blick des anderen spiegeln, sondern nur in Räumen, die ihnen ihre eigenen Farben zurückwerfen, brauchen jene Barmherzigkeit, von der die Bachkantate „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ (BWV 56) spricht, und in der die Künstlerin ein Ideal sieht, dann nämlich, „wenn das wütenvolle Schäumen sein Ende hat“.

Plötzlich zeigt sich in den vermeintlichen Praktiken säkularisierter Sexualität ein seelischer Raum, gerade dort, wo alle Erwartung dies nicht erlaubt, weil es den ungehemmten Genuss zerstören würde.

Ein Skandalon.