Entropie!

Alles eine einzige Scheiß-Entropie.

von Andreas Bee

Was wĂ€re der Protestantismus ohne den Katholizismus? An wem, wenn nicht an den Protestanten, sollte sich andererseits die „Allein selig machende Kirche“ reiben? Beide brauchen einander, ob nun als Quelle und Zustrom sakraler Elemente oder als Korrektiv und BestĂ€tigung ihrer selbst, beide Anschauungen gehören zusammen, gerade weil sie sich permanent zu bestĂ€tigen und zu widersprechen scheinen. Ja, man kann sich heute kaum noch vorstellen, dass es einmal eine Zeit gab, in der dieser Dualismus keine Rolle gespielt haben soll. Hier das Festhalten an Bild und Dogma, verbunden mit der Überzeugung, der einzig wahren und echten universellen Gemeinschaft anzugehören, dort das tiefe Vertrauen in das Wort und der Glaube an das Prinzip der SubjektivitĂ€t und die Autonomie der Vernunft. Auf der einen Seite ein wogendes Meer von satten, saftigen Farben, auf der anderen der Versuch die Welt vor nĂŒchtern grauer Folie auf den Begriff zu bringen. Wir sehen zwei AusprĂ€gungen ein und derselben Sache mit unterschiedlichen Eigenschaften, die sich in ihrer PolaritĂ€t ergĂ€nzen, wie die linke und rechte HĂ€lfte eines Diptychons von Anne Berning. (Abb. S. 
 ) Wie aber soll man ein derart spannungsgeladenes Bild anschauen?

WĂ€hrend manch einem bei der wandfĂŒllenden Arbeit, die die KĂŒnstlerin wegen ihrer variablen Komponenten als Installation bezeichnet, die linke, „katholische“ Seite wie eine klangvoll-mĂ€chtige Farbpartitur erscheinen wird, ist sie fĂŒr den nĂ€chsten möglicherweise nicht mehr als ein beliebiger Auszug aus einem Musterbuch eines TeppichbodenhĂ€ndlers. Ein belesener Betrachter fĂŒhlt sich vielleicht eher von den Bild gewordenen Notaten auf der rechten Seite angezogen, wĂ€hrend einem sich vornehmlich visuell orientierenden Menschen der ein oder andere Satz in diesem Bildteil wenig attraktiv erscheinen mag. Doch beide Systeme sind keineswegs so autonom und stabil, wie man zunĂ€chst annehmen könnte. Sie haben Löcher und Leerstellen. Und weil sie sich im Grunde gegenseitig bedingen und im Kontakt miteinander Schnittmengen bilden, sickert an manchen Stellen das jeweils andere in sie hinein. So scheint auf der „katholischen“ Seite durch eine monochrom blaue FlĂ€che die rein typographische AnkĂŒndigung einer Konzertveranstaltung durch, wĂ€hrend an genau gegenĂŒberliegender Position sich bald unter einer grauen FarbflĂ€che ein fast völlig verdecktes Bild einer Rockband bemerkbar macht. Aber auch dann, wenn sich die eine Seite mit der anderen nicht durch WidersprĂŒche verklammert, können stark anziehende, bipolare VerknĂŒpfungen entstehen. Im dialektischen Sinne steht beispielsweise dem intensiven Kardinalrot im linken Feld des Arrangements aus ĂŒbermalten Aluminiumblechen im „evangelischen“ Bildteil ein wirkungsmĂ€chtiger Hinweis auf das immer schlimmer werdende Durcheinander in der Welt gegenĂŒber. Es stammt aus William Gaddis letztem Roman „Das mechanische Klavier“.

Der einer calvinistischen Tradition verpflichtete Gaddis (1922–1998) ist geradezu berĂŒchtigt fĂŒr seine ununterbrochen sprechenden Protagonisten, fĂŒr Figuren, die stĂ€ndig aufeinander einreden und oftmals auch ohne Anlass und Thema quasseln, selbst dann noch, wenn niemand mehr zuhört. Sein furioses Lamento ĂŒber den Niedergang der Welt, seinem großen Palaver ĂŒber das Leben und den Verfall der Sprache, ĂŒber korrupte AnwĂ€lte, geklonte Schafe und ĂŒber die Kunst und ihren bevorstehenden Untergang durch die fortschreitende Mechanisierung steht auf der visuellen Seite ein stetig grĂ¶ĂŸer werdendes Wirrwarr von Bildern gegenĂŒber, das uns manchmal nur noch deshalb fasziniert, weil es uns gleichermaßen grotesk wie bedeutend vorkommt. Denn unverkennbar hĂ€ufen sich um uns herum in stĂ€ndig steigendem Tempo die Worte und Werke, die Bilder und BĂŒcher, tĂŒrmen sich die Kataloge mit ihren bunten Abbildungen und kommentierenden Texten, wachsen die Massen der Kunstpostkarten, Plakate und Drucksachen langsam aber sicher ins schier Unermessliche.

„Wann fing es an, richtig schief zu laufen?“, fragt Gaddis und gibt gleich die Antwort: Mit der Erfindung des mechanischen Klaviers, das es seinem Besitzer ermöglichte, mittels gestanzter Papierrollen die Werke großer Komponisten jederzeit selbst abspielen zu können. Mit dieser Unterhaltungsmaschine vom Beginn des letzten Jahrhunderts, gesteuert von einer Urform des binĂ€ren Strickmusters, wurden seiner Meinung nach all jene Dinge vorbereitet, mit deren Hilfe man kurze Zeit spĂ€ter „die Höhen der Kultur ĂŒberrannt“ und platt gewalzt hat, um sich des „Allerheiligsten“, der Kunst zu bemĂ€chtigen. „Die verblödete, hirnlose Masse, die so genannte Öffentlichkeit, sie will es ja so. Sie will unterhalten werden und macht deshalb aus dem KĂŒnstler einen Entertainer oder Berufsprominenten (
) Wo man auch hinschaut, ĂŒberall Unordnung und Zersetzung, der Pesthauch der Entropie, nimm was Du willst, Unterhaltungsindustrie und Technologie, jeder VierjĂ€hrige an seinem eigenen Computer
“ tobt Gaddis. Trotz dieser hoffnungslosen Lage versucht der Autor Ordnung in seine Gedanken zu bringen. FĂŒr seinen letzten großen Monolog holt er sich dafĂŒr UnterstĂŒtzung bei Sigmund Freud, Thomas Bernhard, Platon, Richard Wagner, Hermann Melville, Ludwig von Beethoven, Paul ValĂ©ry, Leo Tolstoi, Gustave Flaubert, Friedrich Nietzsche und vielen anderen.

Auch Anne Berning bringt all jene KĂŒnstler als Kombattanten in Stellung, ohne die es ihrer Meinung nach nicht geht, ohne die es weder ein kĂŒnstlerisches Wahrnehmen noch ein intellektuelles Sehen geben kann. Ihre Text- und Bildzitate, BuchrĂŒckenarbeiten, Bildpostkarten, Kunstbuchcover und nicht zuletzt die manchmal kryptisch anmutenden Anspielungen in den „ZettelwĂ€nde“ der großen Installationen verweisen direkt oder indirekt auf jene KĂŒnstler, die die KĂŒnstlerin Berning durch ihre Malerei feiert und rĂŒhmt, und bei denen sie sich bedankt, indem sie sich ihnen als Malerin widmet. Zu ihnen zĂ€hlen derzeit: Gertrude Stein, Emmett Williams, RenĂ© Magritte, Henri Matisse, Beatriz Milhazes, Joan MirĂł, Jasper Johns, Philip Guston, Vermeer, Piet Mondrian, Wiltholt Gombrowicz, Roy Lichtenstein, Jean Antonie Watteau, Ross Bleckner, Alberto Garutti, Pontormo, Robert Rauschenberg, Jean-Baptist-SimĂ©on Chardin, Ad Reinhard, William Gaddis, Paul CĂ©zanne - der erstaunlicherweise schon vor geraumer Zeit der Ansicht war, dass alles im Verschwinden begriffen ist und man sich deshalb beeilen mĂŒsse, wenn man noch etwas sehen will – John Baldessari, Robert Filliou, John Cage, Felix Gonzalez-Torres, Francis Bacon, Alex Katz, Edouard Manet, Georges de La Tour, Diego VelĂ zquez, Caravaggio, Petrus Christus, Rogier van der Weyden, Edward Hopper, Ellsworth Kelly, Bruce Nauman, Francis Alys, Mary Heilmann, Max Beckmann, Bart van der Leck, Sigmar Polke, Chaim Soutine, Vincent van Gogh, Pieter Brueghel, Gustave Courbet, Andrea Mantegna, Malcolm Morley, John Isaak, Piero della Francesca, Marcel Duchamp, Giovanni Bellini, Andy Warhol und Rosemarie Trockel.

Nur drei KĂŒnstler schließt Berning explizit aus ihrer Welt aus, drei, die allerdings ungenannt bleiben und deren Namen zu erfahren uns natĂŒrlich besonders interessieren wĂŒrde. Bei Gaddis gewinnt schließlich Nietzsche gegen Tolstoi, bei Berning scheint noch nicht entschieden, welches Bild sich am Ende vor alle anderen schiebt und ob ĂŒberhaupt jemand das Rennen macht.

Wie Gaddis versucht Berning mit ihrer Arbeit Ordnung in eine Welt zu bringen, die scheinbar hoffnungslos zur Unordnung neigt und an manchen Tagen so bedrohlich erscheint, dass man den Eindruck gewinnen kann, sie wĂŒrde sich frĂŒher oder spĂ€ter in einer allumfassenden Zersetzung vollkommen entziehen. Indem Berning tief in den großen Stapel der verfĂŒgbaren Bilder hineingreift, indem sie zitiert und verbindet, indem sie die Zwiesprache mit bestimmten KĂŒnstlern forciert und andere unbeachtet lĂ€sst, mĂŒht sie sich den untergrĂŒndigen Sumpf aus Chaos und Zufall wenigsten an einigen Stellen trocken zu legen. Geschickt verwebt sie deshalb starke Stimmen zu einem PlĂ€doyer fĂŒr das Authentische in der Kunst, ohne sich der Illusion hinzugeben, damit etwas Ureigenes, völlig Neues erfunden zu haben. Dass es dennoch sinnvoll ist, so vorzugehen, wie sie vorgeht, deutet Berning durch ein Zitat von Andre Gide auf der „evangelischen Tafel“ an: "Alles ist schon mal gesagt worden. Da aber niemand zuhört, muss man es immer wieder von neuem sagen!“

Bernings Werkgruppen zwingen uns, das „Große Bild“ ganz zu sehen und ein ĂŒber Jahrhunderte gewachsenes Geflecht aus intellektuellen Wahlverwandtschaften zwischen Kunst-, Rezeptions- und Reproduktionsgeschichte mit in die Wahrnehmung einzubeziehen. Ihr geht es offenbar nicht nur darum zu schauen, wie etwas aussieht, wenn sie es sich malend angeeignet hat, sondern sie interessiert sich auch fĂŒr das Netz, fĂŒr das System und den komplizierten Kontext, in dem wir alle stehen. Als KĂŒnstlerin handelt sie einerseits so, als wĂ€re sie fĂŒr das Ganze verantwortlich und als Malerin gleichzeitig auch wieder so, als impliziere das System von vorneherein das, was sie tut. In Bernings Bildern klingen ZusammenhĂ€nge zwischen all jenen Aspekten an, die in ihrer Summe das System Kunst ergeben, auch wenn dabei die Grenzen zwischen Dokumentation, Spekulation und Experiment völlig unklar bleiben und permanent changieren.

Bernings Bilder aktivieren ein GespĂŒr fĂŒr die historische Dimension jeder kĂŒnstlerischen Entwicklung, dafĂŒr, dass Kunstwerke eben nicht allein aus einer aktuellen OberflĂ€che bestehen, sondern aufeinander fußen. Sie betrachtet die Kunst nur scheinbar von außen, wohl wissend, dass es fĂŒr einen KĂŒnstler kein „Draußen“ geben kann, denn alle Fragen, die sie als KĂŒnstlerin an das System Kunst stellt, reflektieren auf ihre Arbeit zurĂŒck. Bernings Bilder handeln also nicht zuletzt von der Unmöglichkeit, einen Beobachtungsposten außerhalb des Systems zu beziehen, wenn man etwas ĂŒber das System erfahren will. Sie bezeugen einmal mehr die zirkulĂ€re Organisation der Kunst. In diese Welt kann nur der verstehend eintauchen, der in ihr selbst eine Rolle ĂŒbernimmt. So entsteht jenes inspirierende Geflecht aus AbhĂ€ngigkeiten, aus denen heraus man denken und handeln muss. Wer sich aber als Teil des Systems versteht, der weiß, dass, wenn er handelt, er nicht nur sich selbst, sondern auch das Ganze verĂ€ndert. Deshalb kann es in der Welt der Kunst auch keinen unbeteiligten KĂŒnstler geben. Kurz: Wer mitspielen will, muss mitspielen! Und indem Anne Berning das auf ihre letztlich doch sehr unverwechselbare Weise tut, verstĂ€rkt sie das Rumoren der Archive. Das aber ist ein durchaus stimulierendes GerĂ€usch.