Richter zeichnen.
Zu den Arbeiten von Alexander Roob.
von Andreas Bee
Mehr als zehn Jahre nach den Ereignissen von Stammheim thematisierte Gerhard Richter in 15 grau in grau, nach Polizeifotos gemalten Bildern eine der schwerwiegendsten politischen Erfahrungen der alten Bundesrepublik: das Ende der „Roten Armee Fraktion“. Vom ersten Tag seiner Präsentation an löste der Gemäldezyklus 18. Oktober 1977 heftige Diskussionen aus.(1) Die einen warfen Richter vor, er habe die Thematik zu einseitig behandelt und die Tragödie der Opfer ausgespart, die anderen sahen in der Bildfolge „ein Menetekel wider die Macht falscher und selbstzerstörerischer Ideologien“.(2) Nach zahlreichen öffentlichen Präsentationen an verschiedenen Orten überließ Gerhard Richter auf Wunsch von Jean-Christophe Ammann den Zyklus 1991 dem neu eröffneten Museum für Moderne Kunst in Frankfurt als Dauerleihgabe für zunächst 10 Jahre. Im MMK wurden die Bilder von Anfang an kontinuierlich gezeigt und als ein zentrales Werk der Sammlung stark beachtet. Zur allgemeinen Überraschung und aus nicht leicht nachvollziehbaren Gründen entschied Gerhard Richter plötzlich, die Werkgruppe an das Museum of Modern Art in New York zu verkaufen. Damit verlor im Mai 1999 nicht nur das Museum für Moderne Kunst, sondern auch die deutsche Öffentlichkeit ein Hauptwerk der zeitgenössischen Historienmalerei.
Es waren eben diese Ereignisse sowie eine kontroverse Diskussion mit Alexander Roob um die richtige qualitative Einschätzung der Arbeit Gerhard Richters im allgemeinen und der Stammheim-Bilder im besonderen, die zu einem künstlerischen Nachspiel führen sollten. Kennen und schätzen gelernt habe ich Roobs Arbeit bereits 1991 anläßlich einer Einzelausstellung im Heidelberger Kunstverein. Jedoch erst mein Vorsatz, den Richter-Zyklus nicht kommentarlos ziehen zu lassen (geplant war ursprünglich eine Fotoreportage) vermischt mit Roobs kritisch-solidarischer Haltung gegenüber meiner positiven Einschätzung der Bedeutung des Stammheim-Zyklus für unsere Sammlung, ließen das Projekt einer zeichnerischen Auseinandersetzung mit den Bildern Richters langsam Gestalt annehmen. So verbanden sich schließlich zwei unterschiedlich motivierte Interessen zu einer gemeinsamen Sache. Und wie von selbst ergab sich daraus die lang gewünschte Gelegenheit, Roobs zeichnerisches Werk auch einmal im MMK zu zeigen.
Im April und im Mai 1999 zeichnete Roob mehrere Wochen lang den Ausstellungsraum und seine Besucher sowie den Vorgang der Abhängung und die Verpackung der Gemälde in Klimakisten für den Transport nach New York. Mit über 600 Einzelblättern legte er uns schließlich ein beeindruckendes Protokoll der Ereignisse vor. Dieses Katalogbuch faßt das Projekt, das im Spätsommer 1998 allmählich Gestalt anzunehmen begann und mit der Präsentation von 233 Zeichnungen im Szenenwechsel XVIII (29. 9. 2000 – 4. 3. 2001) ihren vorläufigen Abschluß fand, noch einmal zusammen. Die Auswahl der 156 hier reproduzierten Zeichnungen aus dem Konvolut der insgesamt 324 für die Sammlung des Museums erworbenen Arbeiten hat Alexander Roob selbst vorgenommen.
Alexander Roobs Ansichten und seine künstlerische Haltung verdeutlichen ein Gespräch, das wir im Januar diesen Jahres führten. Es ist im Anschluß an die Zeichnungen wiedergegeben. An dieser Stelle sei noch einmal kurz auf einige Stationen und Bedingungen hingewiesen, die für das Verständnis der Zeichnungen hilfreich sein können.
Roob studierte Malerei an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin bei Wolfgang Petrick (3) und arbeitete zunächst als Comic-Zeichner für verschiedene Zeitschriften und Stadtmagazine. Daneben war er als Kulissenmaler für Theater und Film tätig und übernahm Auftragsarbeiten für Kirchen und Wandmalereien im Außenbereich. An der Malerei verlor er nach seinem Weggang aus Berlin allmählich das Interesse. Ab 1985 widmet er sich ausschließlich einer bestimmten Form der Zeichnung, dem sogenannten CS-Projekt.
Das Kürzel CS stand in der Anfangsphase für „Codex Skarabäus“, also für eine lose Form der Motivsammlung, die sich skarabäusartig, d. h. wie von selbst aus dem Nichts entwickelt und immer in Verwandlung ist. Dieses durch den im alten Ägypten verehrten Käfer symbolisierte Verwandlungs- und Bewegungsprinzip ist seither sozusagen der Motor des Werks von Alexander Roob. Auch der Projektname selbst ist diesem Prinzip unterworfen und hat sich im Lauf der Zeit in eine Vielzahl von Bedeutungsvarianten aufgefächert.(4)
Der ersten noch sehr zeichenhaft-abstrahierenden Anfangsphase folgen ab 1990 Blätter, in denen Roob sich mit Bewegungsabläufen beschäftigt. Die einzelne Zeichnung wird von nun an selbst als ein Moment des bewegten Übergangs begriffen, als ein Medium, in dem sich die Verwandlung von einem Augenblick in den nächsten manifestiert. Darüber hinaus wird sie in ihrer Funktion nun nicht mehr in ihrer Vereinzelung oder in einer linearen Abfolge betrachtet, sondern als ein Knotenpunkt in einem potentiell unendlich weit gespannten Netz. Inspiriert von der Beschäftigung mit dem literarischen Montageprinzip in den späten Dichtungen William Blakes und den mehrschichtig verzweigten Zeichnungsfolgen von Rodolphe Töpffer nennt Roob dieses Geflecht in seiner abstrahierten Ganzheit von nun an „Bildroman“. Mit diesem Begriff verbinden sich für den Künstler Vorstellungen von einem das gesamte menschliche Bewußtsein umfassenden Experimentierfeld. Da aber ein auf das Universelle zielendes Schaffen niemals wirklich vollendet werden kann, bleibt das Hauptcharakteristikum von Roobs Zeichnungsprojekt CS das Prozeßhafte und letztlich die Veranschaulichung eines Werdens von Welt. Dennoch gliedert sich ein solches, in ständiger Transformation befindliches Werk nach seinen Entstehungsschritten in einzelne Kapitel, in denen es Roob gelingt, in der Durchkreuzung von Gesehenem und Gedachtem, zum Teil völlig divergierende Lebens- und Arbeitsbereiche miteinander zu verknüpfen.(5) In einer lesenswerten und erhellenden „Theorie“ hat Alexander Roob ausführlich seine Auffassung einer zeitgemäßen künstlerischen Strategie und Haltung begründet.(6)
Mit dem 7. Kapitel, das 1999 in der graphischen Sammlung Albertina in Wien entstand, gelangt der Bildroman mit seinen Großkapiteln zu einem Abschluß. Hatte sich zunächst, wie in Laurence Sternes epochaler Dichtung Tristram Shandy (1759–67), der Erzählfluß in Roobs Zeichnungen entlang eines roten Fadens entwickelt, sodann ständig immer weiter verästelt und war bald zu einem schwer überschaubaren Labyrinth aus Anspielungen und Assoziationen gewachsen, mündet er nun in eine freie und flexible Form von endlosen Exkursen. Das CS-Projekt läßt in der aktuellen Phase die dem Romanbegriff zugrundeliegende Universalie einer umfassenden Ganzheit hinter sich und baut – ohne die Einschränkungen einer Bezugnahme auf literarische Gattungen – nunmehr ganz auf die bildnerische Eigenständigkeit des Prinzips der sequentiellen Zeichnungen. Das Wandlungsprinzip CS kann jetzt abseits jeder grundsätzlichen Festlegung alle möglichen Formen annehmen: Kurzstrips, Protokolle, Reportagen, große und kleine Formen, klassische Erzählformate oder flexible Gebilde freifließender Assoziationen. Es kommt somit eine Freiheit ins Spiel, die es Roob erlaubt, die einzelne Zeichnung nicht mehr unbedingt in übergeordneten Zusammenhängen sehen zu müssen.
Die im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt entstandene Arbeit ist das erste Projekt dieser experimentelleren dritten Phase von CS. In der Art der Herangehensweise ist Roob sich jedoch grundsätzlich treu geblieben, indem er versucht, durch besinnungsloses Vielzeichnen, den zwischen Auge und zeichnender Hand vermittelnden Willen auszuschalten. Sein Ziel ist es, das Prozeßhafte der Wirklichkeitserfahrung möglichst unkontrolliert zu registrieren. Sein Interesse gilt dem situativen Gesamtzusammenhang, welcher sich ihm mit dem Eintritt in einen Zustand der gleitenden, ungerichteten Aufmerksamkeit erschließt. Dabei ist das, was gesehen wird, genauso wichtig, wie die Reflexion darüber, wie etwas gesehen wird. Keiner hat dieses doppelte, sich organisch ineinander verwickelnde Interesse besser veranschaulicht als der Physiker und Philosoph Ernst Mach (1838–1916), der eine grundsätzliche Trennung von Wahrnehmung und Wahrgenommenem für nicht sinnvoll hielt. Seine berühmt gewordene Zeichnung von 1886 veranschaulicht dies auf prägnante Weise. Sie gibt den Blick aus der linken Augenhöhe auf eine liegende Gestalt wieder, auf die Figur des Zeichners, der eben jenen, seinen eigenen Blick zeichnend auf einem Blatt darstellt.(7) Hier kehren sich Ebenen, die gewöhnlich als hierachisch getrennt angesehen werden – nämlich die des zeichnenden Subjekts und die des gezeichneten Objekts – gegen sich selbst und erzeugen eine unauflösbare Verwicklung.
Betrachtet man die im MMK in Frankfurt gezeichnete Folge Blatt für Blatt, so zeigt sich, daß der umherschweifende Blick des Künstlers mal auf diesem oder jenem Gegenstand im Raum verweilt, mal auf dem Zeichenbrett selbst, mal auf dem Boden oder auf einem bilderlosen Wandabschnitt. Ein anderes Mal gleitet er – einer sanften Kamerafahrt vergleichbar – von einer Sache zur nächsten, um im darauf folgenden Schritt abrupt die Perspektive zu wechseln. Dabei erfaßt er alles Sichtbare gleichermaßen, ohne Rücksicht auf bestimmte Bedeutungen. Er wechselt zwischen einer Totale und einer Nahsicht, „zoomt“ Details heran, um sie im nächsten Augenblick wieder aus dem Fokus zu verlieren. Die den Zeichnungen vorangestellten Fotografien von Axel Schneider vermitteln einen guten Eindruck der Vorgehensweise und zeigen, daß eine Zeichnung ihre Entstehung vor allem der Bewegung von Auge und Hand verdankt. Normalerweise erfaßt Roob die Dinge ausschließlich mit der Konturlinie. Da diese für die Erschließung der von Gerhard Richter verwendeten „weichen“ Maltechnik nicht zu greifen scheint, findet besonders die Nahsicht auf die Malereien ihren Ausdruck in einer pointillistischen Zeichenweise. Diese durch Punkte und kurze Striche charakterisierten Zeichnungen sind innerhalb des bisherigen Werkes von Alexander Roob neu und ungewöhnlich. Sie veranschaulichen ganz nebenbei, wie unvorhersehbar und chancenreich der Ausgang einer offenen künstlerischen Auseinandersetzung mit einem unbekannten Thema sein kann.
Roobs Zeichnungen handeln nicht nur vom Auszug bedeutungsschwerer Bilder aus einem Museum für zeitgenössische Kunst. Ebenso intensiv wie den Zyklus von Gerhard Richter in seinem Raum schildert Roob das Verhalten der Besucher, zeigt Beiläufiges, Randzonen und Nebensächlichkeiten, zeichnet Stühle und Bänke, Steckdosen, Fußleisten, eine abgestellte Tasche und einen abgelegten Hut, einen Schal, Kamera und Stativ des Fotografen und vieles mehr. Indem er das tut, befaßt er sich als Zeichner auf unverwechselbar leichte Weise gleichermaßen mit der äußerlichen, phänomenalen Seite des gewählten Themas wie mit der inneren, prozessualen Seite des Wahrnehmungsakts selbst.
- Robert Storr, October 18, 1977, herausgegeben vom Museum of Modern Art, New York 2000
Kai-Uwe Hemken, Gerhard Richter 18. Oktober 1977. Eine Kunstmonographie, Frankfurt am Main und Leipzig 1998
Martin Henatsch, Gerhard Richter 18. Oktober 1977. Das verwischte Bild der Geschichte, Frankfurt am Main 1998
Hubertus Butin, Richters RAF-Zyklus nach New York verkauft: kultureller Gewinn oder Verlust? Ein Gespräch mit Gerhard Richter, in: Kunstforum, Nr. 132, Ruppichteroth 1996, S. 432–435
Hubertus Butin, Zu Richters Oktober-Bildern, Köln 1991
Presseberichte zu Gerhard Richter 18. Oktober 1977, herausgegeben vom Museum für Moderne Kunst und Portikus, Frankfurt am Main, Köln 1989
Gerhard Richter 18. Oktober 1977, herausgegeben vom Museum Haus Ester Krefeld und dem Portikus Frankfurt, Köln 1989 - Thomas Wagner, Überstürzt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt am Main 5.5.1999
- Wolfgang Petrick wurde in den 70er Jahren zur Gruppe der Kritischen Realisten gezählt. In seiner Malerei finden sich Verweise auf den Magischen Realismus eines Max Beckmann, auf Otto Dix, George Grosz und Richard Lindner.
- CS steht in phonetischer Umschrift für „Sieh es“, darüber hinaus für „colla sinistra“, aber auch schlicht für: „Comic Strip“
- So z. B. in Kapitel V: „Bergwerk mit Pharmaforschung“ oder in CS VI: „Atomphysik mit Wurstfabrik“.
- Alexander Roob, Theorie des Bildromans, herausgegeben von der Deutschen Akademie Villa Massimo Rom, Salon Verlag Köln 1997. Er fühlt sich der Vorstellung eines radikalen Nominalismus verpflichtet, dessen wichtigster Bezugspunkt die transitorische Qualität der einzelnen Wahrnehmungsmomente ist, die er in Anspielung auf die verwandten Konzepte des Maler-Poeten William Blake und des Philosophen A.N. Whitehead „Pulse der Perzeption“ nennt.
- Alexander Roob, Theorie des Bildromans, Köln 1997, S. 63
aus:
Richter zeichnen
Museum für Moderne Kunst,
Frankfurt am Main und Salon Verlag, Köln 2001
Alexander Roob
Deutsche Börse, 2000
Bleistift auf Papier
14,8 × 21 cm
zum Werk
Alexander Roob
Richter Zeichenen
Alexander Roob zeichnet den Auszug des Stammheim-Zyklus von Gerhard Richter aus dem Museum für Moderne Kunst
Texte von Jean-Christophe Ammann, Andreas Bee und Alexander Roob (dt. / engl.)
Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main und Salon Verlag, Köln 2001